Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.

Kassandras Corona – das Virus als Metapher, der Scherz in der Videoschalte und das Kochen in der Krise

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Susan Sontag lag daran, die im Zusammenhang mit Aids geläufigen militärischen Metaphern zum Verschwinden zu bringen, denn sie tragen „nachhaltig zur Exkommunikation (…) der Kranken bei“, schrieb sie. (https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit_als_Metapher) Über Krankheiten wird oft in Termini des Militärischen gesprochen, konstatierte sie 1988, als das Aidsvirus sich unserer Welt bemächtigte: Es ist auch heute die Rede von Invasion, Verteidigung, Widerstand und Abwehr, von Attacke, Schädigung und Zerstörung; die Krankheit selbst wird zu einer Metapher, sie steht für etwas, das „heimtückisch“ in den Körper wie in die Gesellschaft „eindringt“ und das „bekämpft“ werden muss. „Kriegsmetaphern bewirken die Stigmatisierung bestimmter Krankheiten, damit aber die Stigmatisierung der an ihnen Erkrankten.“ Sie laden Krankheiten moralisch auf und individuelle „Schuld“ beim Erkrankten ab, konstruieren einen Dualismus zwischen „uns“ und „jenen“. Das lässt sich auf die Corona-Krise übertragen – auch sie ist mittlerweile selbst zur Metaphernquelle geworden. So spricht auch heute alle Welt von Viren, die den Rechner infiziert haben, so bezieht „das neueste, alles verwandelnde Element der modernen Welt, der Computer, seine Metaphorik von der neuesten, alles verwandelnden Krankheit“, konstatierte sie „hellsichtig“, so Andrea Bronstering. (https://www.kvberlin.de/40presse/30kvblatt/2015/12/90_kunst/kvbs.pdf (2015).)

Sontags Kampf gegen die Krankheitsmetaphorik war nichts anderes als einer gegen den moralischen Druck, der beim Reden und Schreiben über Gesundheit oder Krankheit auf vielfältige Weise ausgeübt wird, so schreibt Thomas Anz. Man muss ja nur ein paar Nachrichten-, Boulevard- und Feuilleton-Seiten anklicken, um das zu bestätigen. „Es ist ein Kampf zur Befreiung von Straf-, Schuld- und Minderwertigkeitsfantasien, die durch populäre und pseudowissenschaftliche Krankheitsbilder oft erzeugt werden und den Kranken belasten. Die Einschätzung der Krankheit als „Prüfung des moralischen Charakters“, die „Vorstellung, dass eine Krankheit eine besonders geeignete und gerechte Bestrafung sein könne“, die Ausdeutung von Krankheiten „als Metaphern für das Böse“: Solche „albernen und gefährlichen Ansichten bringen es zuwege, dass die Last der Krankheit dem Patienten aufgebürdet wird.“

Wenn mich in den sozialen Medien also vermehrt der Zorn vieler Wut-Kommentare anspringt wie zum Beispiel in diesem: „Warum sind denn ganzen reichen Skifahrer Ende Februar noch in den Urlaub gefahren, wo doch schon klar war, dass das Virus grassiert? Und jetzt haben sie es uns eingeschleppt, und die, die zu Hause geblieben sind, die Armen und Alten und Pflegekräfte, die sich nie so was leisten können, die werden jetzt krank“, dann geht es genau darum: Jemand muss schuldig sein, sonst kann man es nicht ertragen.

Aber nein, niemand ist schuld. Es passiert uns, es überwältigt uns, das ist etwas ganz anderes.

„Gerade auch die „spezifisch moderne Vorliebe für psychologische Erklärungen“ sei in hohem Maße mit belastenden Schuldzuweisungen assoziiert: „Psychologische Krankheitstheorien sind machtvolle Instrumente, um die Schande auf die Kranken abzuwälzen. Patienten, die darüber belehrt werden, dass sie ihre Krankheit unwissentlich selbst verursacht haben, lässt man zugleich fühlen, dass sie sie verdient haben.“ Es sind besonders solche Krankheiten, deren Entstehung noch wenig geklärt und deren gezielte Heilung ungesichert ist, die zum Projektionsfeld und Medium kulturell geprägter Wünsche, Ängste oder Aggressionen werden. Ein kluger Mann, der Herr Anz. (https://literaturkritik.de/id/7945)

Man sollte den Wissenschaftlern wieder mehr Vertrauen entgegenbringen – in Krisenzeiten mehr denn je. Dies mag den Populisten und den Klimawandelleugnern mal gesagt sein.

Ich frage mich: Darf man in diesen Zeiten noch Witze machen? Ja, man darf – aber auf keinen Fall über den Holocaust. (https://www.sueddeutsche.de/kultur/interview-humor-coronavirus-joerg-rawel-1.4855006?fbclid=IwAR2S7P8PvKdhNlBe4NhMK2ytsgQUWX5YffOSA4G0bL2x5grwCv3EVDwKCTs)

Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher palavern allerdings auf so peinliche, hilflose und unnötige Weise über ihre Befindlichkeit, dass mir ein wenig übel wird und gleich wieder das Lachen vergeht. (https://www.zeit.de/kultur/film/2020-03/die-quarantaene-wg-rtl-guenther-jauch-thomas-gottschalk-oliver-pocher?utm_content=zeitde_redpost_zon_link_sf&utm_campaign=ref&utm_medium=sm&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost_zon.link.sf&utm_term=facebook_zonaudev_int&utm_source=facebook_zonaudev_int&fbclid=IwAR2iuKQTlfMQCDJQSumwJQRRceXNwSmVlgfd8Obr2at5zRkBLa7sEyoRCZ0)

Das ist völlig stillos.

Tim Mälzer, unsere Fäkalienwörterfluchendeschnodderwutschnauze der Republik,  und viele andere Hamburger Gastronomen kochen mit ihren Teams umsonst für das Klinikpersonal des UKE. (https://www.stern.de/genuss/tim-maelzer-bekocht-kostenlos-das-klinik-personal-in-hamburg-9194684.html?utm_medium=posting&utm_source=facebook&utm_campaign=stern_fanpage&fbclid=IwAR3I5x5QvbeRwfZ_agYxeckcla92948JMEqYVpZn0rbQ6WV3xbsETYeXq4Q)

Das hat ausgesprochen viel Stil.

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