Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.

Kassandras Corona – draußen ist es still, im Kopf ist es laut

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Eine Studentin zitiert heute in einem anderen Zusammenhang Schopenhauer: „So lange ich bin, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, bin ich nicht, was gibt es da also zu fürchten?“ Man fürchtet sich trotzdem unablässig zwischen den Zeilen, eine Art bösartiges Dauerpieksen in den Hirnwindungen, das nicht nachlässt.

Gibt es heute Mehl?, ist eine so blöde wie sinnlose Frage, die dem Alltag noch etwas Normalität abzuringen versucht. Ich, die ich seit Jahren mein Brot selbst backe, stehe erstaunt vor den leeren Regalen. Man würde ja ohne Mehl nicht verhungern, aber die Konzentration auf so etwas Banales gibt Vielen gerade Struktur. Mir auch.

Meine Patentochter ist heil und gesund aus Amerika zurückgekehrt, nachdem sie eine Nacht in Amsterdam bei ihrem Cousin verbrachte und nicht wusste, ob überhaupt noch ein Flug nach Berlin geht. Das Foto der befreundeten Familie, die sie am Flughafen in die Arme schließt, steht jetzt auf meinem Schreibtisch.

Meine Tochter hat den Kurzgeschichtenwettbewerb in ihrer Schule gewonnen und der Text geht jetzt in die Landesauswahl. Es gibt zwar in absehbarer Zeit keine Verleihungen, aber man hat doch was zum Lächeln für den Tag.

Der Mann will heute mit dem Fahrrad zu einem weiter weg gelegenen Supermarkt fahren – mit zwei Fahrradtaschen kommt ihm das weniger entwürdigend vor. Wir sind auf die Ausbeute gespannt. Wenig später: kein Mehl.

Eine Freundin, die am Stadtrand wohnt, packt mir vielleicht ein Paket mit Mehl, da gibt es noch welches. In dem Moment, als ich ihr die Bitte um das Paket per WhatssApp schreibe, kommt es mir so absurd vor. Wir sind doch nicht im Krieg, denke ich.

Die Nachrichten rauschen unablässig durch einen hindurch, man schwankt zwischen morbidem Infojunkietum und erschöpfter Ernüchterung, bevor man wieder ins Internet fällt.

Ich gehe eine halbe Stunde hinaus, die Sonne scheint, ich brauche Licht. An die Ausweichmanöver hat man sich schon fast gewöhnt. Im Park hat jemand aus der Nachbarschaft Gedichte der Weltliteratur an die Bäume gehängt. „Da“, sagt ein Kind, „Mama, lies vor.“

Der Chef meines Mannes ist am Virus erkrankt. Irgendwann kennt jeder jemanden, der nicht ausweichen konnte.

Alle halten den Atem an. Man darf nur nicht vergessen, wieder auszuatmen.

One thought on “Kassandras Corona – draußen ist es still, im Kopf ist es laut

  1. Liebe Corinna, ich freue mich von Dir zu lesen!! Ich sende Deinen Blog auch an die Ehlebracht-Familie weiter!

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