Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.

Kassandras Corona – wie es jetzt ist

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Das Denken an Danach ist auch eine Option

Der Mann stapft jetzt morgens vor Dienstbeginn mit dem Hackenporsche zum Supermarkt und stellt sich um halb acht in die Reihe – Mehl und Klopapier sind in unserem Supermarkt seit heute rationiert: 1 Einheit pro Einkauf werden nur noch ausgegeben. „Das ist doch unwürdig“, sagt er verdrossen.

„Was denn? Die Rationierung oder die Peinlichkeit, mit Hackenporsche in der Öffentlichkeit erkannt zu werden? Du kannst jedenfalls rausgehen“, sage ich verdrossen.

Dann schauen wir uns schweigend an, weil wir, ohne darüber nachzudenken, einen winzigen Moment alltägliche Paarkabbelei ausgetauscht haben. Bis uns einfällt, worum es eigentlich geht, und dass man darüber nicht meckern darf, wenn auf der ganzen Welt Menschen an diesem Virus sterben und Obdachlose und Flüchtlinge in Griechenland dem Ganzen völlig schutzlos ausgeliefert sind oder Frauen und Kinder häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, weil die Männer nicht mehr mit den Kumpels ins Stadion gehen können.

Ich habe gestern um 18 Uhr stümperhaft die Ode „An die Freude“ bei geöffnetem Fenster auf dem Klavier gespielt. Das war seltsam tröstlich, auch wenn kein Mensch zugehört hat – in unserer Straße wohnen nur Kulturbanausen, die nur dann Musik machen, wenn der HSV ein Mal im Jahr ein Tor zustande bringt. Worüber ich mich jedes Mal schrecklich aufrege – jetzt sehnt man es herbei. „Normalität bezeichnet in der Soziologie das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt. In der Psychologie bezeichnet Normalität ein erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, behandlungsbedürftigem, gestörtem, abweichendem Verhalten.“ (Wikipedia, Abruf 23.3.2020)

Unser zweijähriges Nachbarskind bekam von uns eine Kiste Bauklötze und eine Holzeisenbahn vor die Tür gestellt. Man hört seitdem begeistertes Juchzen von nebenan. Das ist ein wunderbares Geräusch. Überhaupt scheint es mir, als hätten die Kinder am wenigsten Anpassungsprobleme. „Ist halt so, geht schon“, sagt meine Tochter und freut sich, wenn in der virtuellen Klassenstunde auf einmal 25 Gesichter aufploppen oder ihre Gitarrenlehrerin per Skype einen Scherz macht.

Ich wäre gern eine Drohne, die an den Fenstern nicht nur meiner Freundinnen und Freunde vorbeisaust: zum Beispiel bei dem Freund, der in Tirol war und jetzt in Quarantäne steckt und ängstlich jedes Unwohlsein auf Corona abklopft. Die Corinna-Drohne würde ihm zuwinken (können Drohnen das?).

Gern auch bei Frau Merkel, die seit gestern selbst isoliert ist – hier kann man nachlesen, wer sie vertritt, fall sie krank wird: https://www.news.de/politik/855834790/angela-merkel-in-coronavirus-quarantaene-aktuell-vertretung-der-bundeskanzlerin-im-krankheitsfall-oder-ausfall/1/. Herr Scholz soll übrigens auch erkältet auf seinem Balkon sitzen. Vielleicht bastle ich heute ein Minister-Memory. Dann lernt man gleich auch alle Namen des Kabinetts.

Manche Menschen bewahren Heiterkeit und Optimismus, so auch dieser anregende und beruhigende Text des Zukunftsforscher Matthias Horx, den mir eine kluge Freundin zukommen ließ: https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona.

Ich empfehle jedem, ein Mittagsschläfchen zu machen – eine Stunde alles auszublenden, kann ungemein dazu beitragen, die Contenance zu bewahren und die Verhältnismäßigkeit im Auge zu behalten, solange man noch gesund ist, der Mann mit dem Hackenporsche einkauft und man ein Dach über dem Kopf hat.

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