Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.

Fernsehdeppen im Kakao und Leichenbeschau in der Gruppe – WM- Sprach- und Stilkritik ohne WM-Spiel zum 3.7.2014

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Ich freue mich über reges Interesse an meinen Beiträgen; so z. B. von T. mit Bezug auf den Text zur „erschöpften Erleichterung“ (Ich habe ihn aber noch einmal Korrektur gelesen, lieber T., Rechtschreibfehler mache ich zwar selbst, dulde sie aber bei anderen nicht):

„Die Übersetzung des Satzes zum Imam erscheint mir dagegen unvollständig: Die Begründung „weil man auf Arbeit ist“ fehlt darin. Der Umstand, dass man nur bei ausreichender Nahrungszufuhr kräftig genug für das Spiel sein kann, ist sicher auch in Islamkreisen unbestritten, aber das ist in den Augen strenger Islamgläubiger ja noch lange kein Grund, das Fasten vorzeitig zu brechen! Die Erlaubnis dafür kann erst nach stichhaltiger Begründung erteilt werden. Und die liegt anscheinend darin, dass „man auf Arbeit ist“, bzw. dass die Nationalspieler Algeriens mit ihrem Einsatz Ungewöhnliches für ihr Land leisteten, das Ausnahmen vom Fastengebot zuließ, denke ich.“

Das nehme ich widerspruchslos an – ich hätte den Satz also noch genauer „übersetzen“ sollen – ich glaube aber nicht, dass BR zu dieser akademischen Leistung in einer Live-Moderation fähig gewesen wäre. Das Wort „anscheinend“ fordert mich schon wieder heraus. Dazu aber in den nächsten Tagen mehr.

P. nennt meine Analysen neckisch „die Fernsehdeppen durch den Kakao ziehen“ und liefert eine fachmännische Definition, die noch fehlte: „Anschwitzen ist ein in der Sportwelt durchaus gebräuchlicher Terminus, der im Unterschied zum Aufwärmen, bei dem der Körper durch leicht erhöhte Beanspruchung an die ihm bevorstehende Aufgabe herangeführt werden soll, den Körper durch kurzzeitige Vollbelastung auf Hochtouren bringen soll. Beide Methoden haben unterschiedliche Wirkung und sollten in Kombination nacheinander ausgeführt werden.“

Sehr schön erklärt, lieber P. (an Deinen Substantiven könntest Du aber noch arbeiten), jetzt weiß ich endlich, warum die Spieler vor dem Einwechseln zwischen Dehnübungen immer kleine Sprints einlegen. Im Übrigen sollte ich endlich einmal anmerken, dass ich von Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen keine Ahnung habe.

U. ermuntert dazu, das Wort „Gänsehautentzündung“ zum Wort des Jahres zu erklären. Ich werde einmal recherchieren, ob man der zuständigen Kommission Vorschläge einreichen kann. Scholls Erfindung soll es aber nicht sein – ist er nicht ein gewitzter Dieb? (http://www.augsburger-allgemeine.de/sport/wm-2014/Mehmet-Scholl-Danke-fuer-Gaensehautentzuendung-id30379112.html)

Morgen werde ich aushäusig sein und das Viertelfinale Deutschland – Frankreich in einer Runde von etwa 60 Menschen schauen – das könnte man also ein „Public Viewing“ nennen. Der Begriff ist aber noch nicht eindeutig definiert: Ab welcher Zahl Menschen, die gemeinsam vor einem Bildschirm sitzen oder stehen, darf man ihn verwenden? Wenn ich zu zweit mit meinem Lieblingsnerd auf dem Sofa sitze und Tagesschau gucke? Oder wenn ich in Berlin auf der „Fanmeile“ inmitten 100.000 anderer Fans stehe und rein gar nichts sehen kann? Wikipedia klärt auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Public_Viewing.

Interessant ist allerdings die ursprüngliche Bedeutung des Ausdrucks: Im Englischen beschreibt er auch das öffentliche Aufbahren von Toten, sodass die Öffentlichkeit Abschied nehmen kann (http://de.wiktionary.org/wiki/public_viewing). So ist beispielsweise Lenin seit 1924 Teil eines berühmten „Public Viewings“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Lenin-Mausoleum#Lenins_sterbliche_.C3.9Cberreste).

Da ich also morgen zu einer Leichenbeschau gehe, muss ich mir Samstag vielleicht freinehmen, weil ich mich entweder in einem Zustand „erschöpfter Erleichterung“, „fröhlicher Beschwingtheit“ oder „entsetzter Resignation“ befinde.

4 thoughts on “Fernsehdeppen im Kakao und Leichenbeschau in der Gruppe – WM- Sprach- und Stilkritik ohne WM-Spiel zum 3.7.2014

  1. Als ich neulich einem Spiel nur auf NDR 2 folgen konnte, weil ich im Auto saß, sagte jemand in diesen lustigen kleinen Interviews, die sie vorher, nachher, zwischendurch bringen, er würde das Spiel im Public Viewing schauen, bei Freunden im Garten. Also, weder das noch mit dem Lieblingsnerd ist Public. Finde ich. Public muss schon in der Öffentlichkeit sein. Eigene Einschätzung.

  2. Weil das public viewing diese scheußliche Ursprungsbedeutung hat, nennt mein Mann das Fernsehen in Pubs, Bars und Cafés ganz einfach „Rudelgucken“.

  3. Lustig, das sieht ja aus wie ein Selbstgespräch! Ist es aber nicht. Das waren tatsächlich zwei unterschiedliche Susannen zu etwa derselben Zeit ;-)) Fühlt Susanne 22:43 sich gerade bemüssigt zu schreiben.

  4. Thanks for shirang. Always good to find a real expert.

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