Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.


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Es hat geregnet oder: Olli und Olli und Olli – WM-Sprach- und Stilkritik zum 13.6.2014

Das Thema Regen durchzog den Abend; nun ist es ja so, dass die Menschen generell gern über das Wetter im Allgemeinen und Besonderen sprechen. Für Sportreporter wie Thomas Wark, verbale Begleitung des Spiels Mexiko-Kamerun, ist dieses in fast jedem verankerte Bedürfnis nach Austausch über klimatische Bedingungen ein Gottesgeschenk: haben sie nichts zu sagen, können sie nicht einfach schweigen und uns in Ruhe das Spiel beobachten lassen. Nein, sie geben wetteraffine Bonmots wie „Auf trockenem Rasen hätt‘ er ihn vielleicht gekriegt“ oder „Finke ist nicht wasserscheu“ von sich. Was soll der arme Volker auch machen, wenn es beim ersten WM-Spiel seiner Mannschaft in Strömen regnet? Sich vom Spielfeldrand in die überdachte Lobby retten und die nassen Kameruner ohne trainerlichen Trost verlieren lassen? Wark ließ sich auch zu peinlichen Phrasen wie „Der Ball ist wirklich drin“ oder „Das war dunkelgelb“ hinreißen. „Das war hellrot“ hätte zumindest den Anschein von Einfallsreichtum gehabt.

In der Akademie bringe ich den Teilnehmern bei, dass ein guter Dialog kompakt, trotzdem bildreich sein muss und die Sprechenden unbedingt zu charakterisieren hat. Das Exempel eines schlechten Dialogs sieht so aus:

Olli 2 (Herr Kahn) in der Halbzeitpause: „Das Tor ist symptomatisch gewesen.“ –  Olli 1 (Herr Welcke): „Ach so.“

Den Prolog „Endlich hat es aufgehört zu regnen“ (http://deutsch.lingolia.com/de/grammatik/zeitformen/perfekt)  Spiel Spanien – Niederlande hätte Herr Schmidt (Olli 3) sich auch sparen können. Im Übrigen hielt Olli 3 sich angenehm und sachlich zurück. Nur die richtige Verwendung der Verbtempi Perfekt und Futur 1 (s. Verweise) wollten ihm nicht ganz liegen, hier kann aber ein Blick in eine seriöse Grammatik sicher Abhilfe schaffen.

Um bei den Wetter-Expressionen zu bleiben: Olli und Olli tauen langsam auf, brauchen aber noch ein wenig Zeit, bis sie Händchen halten können. Olli 2s Kalauer sind entschiedene Hemmsteine.

Über Kleidungsfragen gibt es heute nichts zu sagen. Es hat einfach zu viel geregnet.

Gereizte Stimmung erzeugt bei mir, dass keiner der Kommentatoren es für nötig befand, die ärmsten Brasilianer zu erwähnen, die dem Stadion weichen mussten und in durchnässenden Zeltstädten leben, bis sie in eine der 2000 von der Regierung versprochenen Wohnungen umsiedeln werden können (http://deutsch.lingolia.com/de/grammatik/zeitformen/futur-1). Mit Glück sind diese pünktlich zur WM 2018 in Russland fertiggestellt.


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Olli und Olli – WM-Sprach- und Stilkritik zum 12.6.2014

Olli und Olli sind ein ungleiches Paar in fast identischem Outfit, das sich erst aneinander gewöhnen muss. Grundsätzlich ist Herr Kahn (Olli 2) heiter und beschwingt und erfreut uns mit Gelächter über seine eigenen Kalauer, die niemand außer er selbst lustig findet. Herr Welcke (Olli 1) mit müdem Ton und angestrengtem Grinsen: „Hehehe.“

Olli 2: „Es ist nicht leicht, das Meer zu beherrschen.“ Dies mutet fast lyrisch an – Inspiration für solch zauberhafte Poesie bot sicher das im Hintergrund vor sich hinkabbelnde Wasser, das an die Copacabana schwappt – entlockte Olli 1 nur ein erstauntes Augenbrauenzucken. Was das unbeherrschbare Meer mit Fußball zu tun hat, bleibt das ungelöste Rätsel des Abends.

„Das Bier wurde im Kloster erfunden.“ Ah, kulturhistorisches Wissen wird hier dem geneigten Zuschauer vor dem Eröffnungsspiel auf den Weg gegeben. Wie man unschwer an Kahns seit 2010 angeschwollener Plauze, nur notdürftig von einem über dem Hosenbund flatternden Hemd kaschiert, erkennen kann, hat er dies Fachwissen sicher in der einen oder anderen Restauration erworben. Wann und in welchem Kloster genau das Bier erfunden wurde, bleibt offen.

Alle Herren tragen, ganz dem Retro-Trend Richtung 80er-Jahre verpflichtet, die Hemdsärmel auf halbe Unterarmlänge gekrempelt. Unelegant.

Frau Katja Müller-Hohenstein (KMH), mein Lieblingsfußball-Stilkritik-Objekt, ist auf einmal erblondet und genetisch bedingt sicher nicht gelockt. Wie angemessen ist eine künstlich hergestellte Farrah-Fawcett-Mähne mit Ende 40? Ich würde es berufsjugendliche Moderatorinnen-Frisur nennen. Nicht nachahmenswert.

Sprachartist Rethy beglückt uns gleich zum Eröffnungsspiel mit wohlfeilen Bemerkungen wie „Die Brasilianer kommen langsam ins Rollen“ – nach 30 Minuten, in denen der schnellste Fußball gespielt wurde, den man je gesehen hat. Und überhaupt: Rollen hat doch etwas mit Rädern zu tun und nichts mit Füßen.

Olli 2 in der Halbzeitpause: „Er (Neymar) ist ein Temperamentsbündel.“ Ja, das ist doch einmal eine kreative Wortneuschöpfung. Hinlänglich bekannt sind das „Energiebündel“ oder der „Temperamentsbolzen“ …

Die Kroaten tragen stoisch und selbstbewusst wieder alpine Bettwäsche. Ich mag das irgendwie.