Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.


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Kassandras Corona – italienische Sirene, psychoanalytische Glocke oder Om

„Das Virus wirkt biopolitisch, dringt in unsere Psyche ein, kappt die Verbindungen zwischen Menschen, es fühlt sich an, als wären wir seine Geiseln“, sagt die italienische Philosophin Donatella Di Cesare, und fährt fort: „Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten, so zu leben, kontrolliert in diesem technototalitären Zustand. Aber das wird Spuren hinterlassen.“

Das klingt überaus beunruhigend, denn Italien steckt mitten im Corona-Prozess, während wir „erst am Anfang“ sind. Da fragt man sich zurecht, wie man nicht nur mit der individuellen Angst fertigwerden soll, sondern auch mit den düsteren Prognosen, die solche elementaren Verwerfungen ankündigen. „Niemand weiß, was nach der Krise sein wird. Wir bereiten uns auf eine wirtschaftliche Rezession vor, vielleicht eine, die gewalttätige Konflikte hervorbringt. Protestbewegungen gegen die weiter wachsende Ungleichheit“, führt sie weiter aus. „Ich weiß nicht, wie weit wir politisch und kulturell auf das, was da kommen wird, vorbereitet sind. Wird es eine neue gesellschaftliche Genügsamkeit geben oder werden die kapitalistischen Egoismen unseres Ökosystems weiterhin siegen? Das ist doch die große Frage in diesen Tagen. Darüber sollten jetzt alle nachdenken.“ (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/italien-coronavirus-krise-konsequenzen-donatella-di-cesare/seite-3)

Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth denkt in eine andere, etwas hellere Richtung, und empfiehlt, dass man zwischen dem „individuellen Risiko, also der Ansteckungs- und Todeswahrscheinlichkeit, und der nackten Angst, die ein sehr starkes Gefühl ist … der Besorgnis, einer Mischung aus Furcht und Fürsorge; und dem Verantwortungsgefühl, das jeder Einzelne für das Wohl der Gemeinschaft entwickeln sollte“, unterscheiden muss. Vielleicht ist es jetzt, wo wir erst am Beginn stehen, wirkungsvoll, „an der kollektiven psychischen Bewältigung der Krise“ teilzunehmen. „Das ist auch eine Hilfe, um mit der eigenen Angst besser umzugehen.“ So kann man Angst auch in Fürsorge verwandeln, erklärt er – dann wird sie nicht übermächtig. (https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2020-03/isolation-coronavirus-angst-trauma-psychoanalyse-hans-juergen-wirth/komplettansicht)

In Hamburg läuten jetzt immer mittags alle Kirchenglocken. Auch, wenn man nicht gläubig ist: Es ist ein Klang, der zum Innehalten in all dem Wahnsinn einlädt. Danach kann man bei aller Ernsthaftigkeit ein leises „Om“ sagen und sich ein klammheimliches Grinsen beim Schauen dieses einminütigen Videos gönnen: https://www.youtube.com/watch?v=Qel1m1Ml9xQ.


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Kassandras Corona – das Virus als Metapher, der Scherz in der Videoschalte und das Kochen in der Krise

Susan Sontag lag daran, die im Zusammenhang mit Aids geläufigen militärischen Metaphern zum Verschwinden zu bringen, denn sie tragen „nachhaltig zur Exkommunikation (…) der Kranken bei“, schrieb sie. (https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheit_als_Metapher) Über Krankheiten wird oft in Termini des Militärischen gesprochen, konstatierte sie 1988, als das Aidsvirus sich unserer Welt bemächtigte: Es ist auch heute die Rede von Invasion, Verteidigung, Widerstand und Abwehr, von Attacke, Schädigung und Zerstörung; die Krankheit selbst wird zu einer Metapher, sie steht für etwas, das „heimtückisch“ in den Körper wie in die Gesellschaft „eindringt“ und das „bekämpft“ werden muss. „Kriegsmetaphern bewirken die Stigmatisierung bestimmter Krankheiten, damit aber die Stigmatisierung der an ihnen Erkrankten.“ Sie laden Krankheiten moralisch auf und individuelle „Schuld“ beim Erkrankten ab, konstruieren einen Dualismus zwischen „uns“ und „jenen“. Das lässt sich auf die Corona-Krise übertragen – auch sie ist mittlerweile selbst zur Metaphernquelle geworden. So spricht auch heute alle Welt von Viren, die den Rechner infiziert haben, so bezieht „das neueste, alles verwandelnde Element der modernen Welt, der Computer, seine Metaphorik von der neuesten, alles verwandelnden Krankheit“, konstatierte sie „hellsichtig“, so Andrea Bronstering. (https://www.kvberlin.de/40presse/30kvblatt/2015/12/90_kunst/kvbs.pdf (2015).)

Sontags Kampf gegen die Krankheitsmetaphorik war nichts anderes als einer gegen den moralischen Druck, der beim Reden und Schreiben über Gesundheit oder Krankheit auf vielfältige Weise ausgeübt wird, so schreibt Thomas Anz. Man muss ja nur ein paar Nachrichten-, Boulevard- und Feuilleton-Seiten anklicken, um das zu bestätigen. „Es ist ein Kampf zur Befreiung von Straf-, Schuld- und Minderwertigkeitsfantasien, die durch populäre und pseudowissenschaftliche Krankheitsbilder oft erzeugt werden und den Kranken belasten. Die Einschätzung der Krankheit als „Prüfung des moralischen Charakters“, die „Vorstellung, dass eine Krankheit eine besonders geeignete und gerechte Bestrafung sein könne“, die Ausdeutung von Krankheiten „als Metaphern für das Böse“: Solche „albernen und gefährlichen Ansichten bringen es zuwege, dass die Last der Krankheit dem Patienten aufgebürdet wird.“

Wenn mich in den sozialen Medien also vermehrt der Zorn vieler Wut-Kommentare anspringt wie zum Beispiel in diesem: „Warum sind denn ganzen reichen Skifahrer Ende Februar noch in den Urlaub gefahren, wo doch schon klar war, dass das Virus grassiert? Und jetzt haben sie es uns eingeschleppt, und die, die zu Hause geblieben sind, die Armen und Alten und Pflegekräfte, die sich nie so was leisten können, die werden jetzt krank“, dann geht es genau darum: Jemand muss schuldig sein, sonst kann man es nicht ertragen.

Aber nein, niemand ist schuld. Es passiert uns, es überwältigt uns, das ist etwas ganz anderes.

„Gerade auch die „spezifisch moderne Vorliebe für psychologische Erklärungen“ sei in hohem Maße mit belastenden Schuldzuweisungen assoziiert: „Psychologische Krankheitstheorien sind machtvolle Instrumente, um die Schande auf die Kranken abzuwälzen. Patienten, die darüber belehrt werden, dass sie ihre Krankheit unwissentlich selbst verursacht haben, lässt man zugleich fühlen, dass sie sie verdient haben.“ Es sind besonders solche Krankheiten, deren Entstehung noch wenig geklärt und deren gezielte Heilung ungesichert ist, die zum Projektionsfeld und Medium kulturell geprägter Wünsche, Ängste oder Aggressionen werden. Ein kluger Mann, der Herr Anz. (https://literaturkritik.de/id/7945)

Man sollte den Wissenschaftlern wieder mehr Vertrauen entgegenbringen – in Krisenzeiten mehr denn je. Dies mag den Populisten und den Klimawandelleugnern mal gesagt sein.

Ich frage mich: Darf man in diesen Zeiten noch Witze machen? Ja, man darf – aber auf keinen Fall über den Holocaust. (https://www.sueddeutsche.de/kultur/interview-humor-coronavirus-joerg-rawel-1.4855006?fbclid=IwAR2S7P8PvKdhNlBe4NhMK2ytsgQUWX5YffOSA4G0bL2x5grwCv3EVDwKCTs)

Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher palavern allerdings auf so peinliche, hilflose und unnötige Weise über ihre Befindlichkeit, dass mir ein wenig übel wird und gleich wieder das Lachen vergeht. (https://www.zeit.de/kultur/film/2020-03/die-quarantaene-wg-rtl-guenther-jauch-thomas-gottschalk-oliver-pocher?utm_content=zeitde_redpost_zon_link_sf&utm_campaign=ref&utm_medium=sm&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost_zon.link.sf&utm_term=facebook_zonaudev_int&utm_source=facebook_zonaudev_int&fbclid=IwAR2iuKQTlfMQCDJQSumwJQRRceXNwSmVlgfd8Obr2at5zRkBLa7sEyoRCZ0)

Das ist völlig stillos.

Tim Mälzer, unsere Fäkalienwörterfluchendeschnodderwutschnauze der Republik,  und viele andere Hamburger Gastronomen kochen mit ihren Teams umsonst für das Klinikpersonal des UKE. (https://www.stern.de/genuss/tim-maelzer-bekocht-kostenlos-das-klinik-personal-in-hamburg-9194684.html?utm_medium=posting&utm_source=facebook&utm_campaign=stern_fanpage&fbclid=IwAR3I5x5QvbeRwfZ_agYxeckcla92948JMEqYVpZn0rbQ6WV3xbsETYeXq4Q)

Das hat ausgesprochen viel Stil.


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Kassandras Corona – draußen ist es still, im Kopf ist es laut

Eine Studentin zitiert heute in einem anderen Zusammenhang Schopenhauer: „So lange ich bin, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, bin ich nicht, was gibt es da also zu fürchten?“ Man fürchtet sich trotzdem unablässig zwischen den Zeilen, eine Art bösartiges Dauerpieksen in den Hirnwindungen, das nicht nachlässt.

Gibt es heute Mehl?, ist eine so blöde wie sinnlose Frage, die dem Alltag noch etwas Normalität abzuringen versucht. Ich, die ich seit Jahren mein Brot selbst backe, stehe erstaunt vor den leeren Regalen. Man würde ja ohne Mehl nicht verhungern, aber die Konzentration auf so etwas Banales gibt Vielen gerade Struktur. Mir auch.

Meine Patentochter ist heil und gesund aus Amerika zurückgekehrt, nachdem sie eine Nacht in Amsterdam bei ihrem Cousin verbrachte und nicht wusste, ob überhaupt noch ein Flug nach Berlin geht. Das Foto der befreundeten Familie, die sie am Flughafen in die Arme schließt, steht jetzt auf meinem Schreibtisch.

Meine Tochter hat den Kurzgeschichtenwettbewerb in ihrer Schule gewonnen und der Text geht jetzt in die Landesauswahl. Es gibt zwar in absehbarer Zeit keine Verleihungen, aber man hat doch was zum Lächeln für den Tag.

Der Mann will heute mit dem Fahrrad zu einem weiter weg gelegenen Supermarkt fahren – mit zwei Fahrradtaschen kommt ihm das weniger entwürdigend vor. Wir sind auf die Ausbeute gespannt. Wenig später: kein Mehl.

Eine Freundin, die am Stadtrand wohnt, packt mir vielleicht ein Paket mit Mehl, da gibt es noch welches. In dem Moment, als ich ihr die Bitte um das Paket per WhatssApp schreibe, kommt es mir so absurd vor. Wir sind doch nicht im Krieg, denke ich.

Die Nachrichten rauschen unablässig durch einen hindurch, man schwankt zwischen morbidem Infojunkietum und erschöpfter Ernüchterung, bevor man wieder ins Internet fällt.

Ich gehe eine halbe Stunde hinaus, die Sonne scheint, ich brauche Licht. An die Ausweichmanöver hat man sich schon fast gewöhnt. Im Park hat jemand aus der Nachbarschaft Gedichte der Weltliteratur an die Bäume gehängt. „Da“, sagt ein Kind, „Mama, lies vor.“

Der Chef meines Mannes ist am Virus erkrankt. Irgendwann kennt jeder jemanden, der nicht ausweichen konnte.

Alle halten den Atem an. Man darf nur nicht vergessen, wieder auszuatmen.


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Kassandras Corona – wie es jetzt ist

Das Denken an Danach ist auch eine Option

Der Mann stapft jetzt morgens vor Dienstbeginn mit dem Hackenporsche zum Supermarkt und stellt sich um halb acht in die Reihe – Mehl und Klopapier sind in unserem Supermarkt seit heute rationiert: 1 Einheit pro Einkauf werden nur noch ausgegeben. „Das ist doch unwürdig“, sagt er verdrossen.

„Was denn? Die Rationierung oder die Peinlichkeit, mit Hackenporsche in der Öffentlichkeit erkannt zu werden? Du kannst jedenfalls rausgehen“, sage ich verdrossen.

Dann schauen wir uns schweigend an, weil wir, ohne darüber nachzudenken, einen winzigen Moment alltägliche Paarkabbelei ausgetauscht haben. Bis uns einfällt, worum es eigentlich geht, und dass man darüber nicht meckern darf, wenn auf der ganzen Welt Menschen an diesem Virus sterben und Obdachlose und Flüchtlinge in Griechenland dem Ganzen völlig schutzlos ausgeliefert sind oder Frauen und Kinder häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, weil die Männer nicht mehr mit den Kumpels ins Stadion gehen können.

Ich habe gestern um 18 Uhr stümperhaft die Ode „An die Freude“ bei geöffnetem Fenster auf dem Klavier gespielt. Das war seltsam tröstlich, auch wenn kein Mensch zugehört hat – in unserer Straße wohnen nur Kulturbanausen, die nur dann Musik machen, wenn der HSV ein Mal im Jahr ein Tor zustande bringt. Worüber ich mich jedes Mal schrecklich aufrege – jetzt sehnt man es herbei. „Normalität bezeichnet in der Soziologie das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt. In der Psychologie bezeichnet Normalität ein erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, behandlungsbedürftigem, gestörtem, abweichendem Verhalten.“ (Wikipedia, Abruf 23.3.2020)

Unser zweijähriges Nachbarskind bekam von uns eine Kiste Bauklötze und eine Holzeisenbahn vor die Tür gestellt. Man hört seitdem begeistertes Juchzen von nebenan. Das ist ein wunderbares Geräusch. Überhaupt scheint es mir, als hätten die Kinder am wenigsten Anpassungsprobleme. „Ist halt so, geht schon“, sagt meine Tochter und freut sich, wenn in der virtuellen Klassenstunde auf einmal 25 Gesichter aufploppen oder ihre Gitarrenlehrerin per Skype einen Scherz macht.

Ich wäre gern eine Drohne, die an den Fenstern nicht nur meiner Freundinnen und Freunde vorbeisaust: zum Beispiel bei dem Freund, der in Tirol war und jetzt in Quarantäne steckt und ängstlich jedes Unwohlsein auf Corona abklopft. Die Corinna-Drohne würde ihm zuwinken (können Drohnen das?).

Gern auch bei Frau Merkel, die seit gestern selbst isoliert ist – hier kann man nachlesen, wer sie vertritt, fall sie krank wird: https://www.news.de/politik/855834790/angela-merkel-in-coronavirus-quarantaene-aktuell-vertretung-der-bundeskanzlerin-im-krankheitsfall-oder-ausfall/1/. Herr Scholz soll übrigens auch erkältet auf seinem Balkon sitzen. Vielleicht bastle ich heute ein Minister-Memory. Dann lernt man gleich auch alle Namen des Kabinetts.

Manche Menschen bewahren Heiterkeit und Optimismus, so auch dieser anregende und beruhigende Text des Zukunftsforscher Matthias Horx, den mir eine kluge Freundin zukommen ließ: https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona.

Ich empfehle jedem, ein Mittagsschläfchen zu machen – eine Stunde alles auszublenden, kann ungemein dazu beitragen, die Contenance zu bewahren und die Verhältnismäßigkeit im Auge zu behalten, solange man noch gesund ist, der Mann mit dem Hackenporsche einkauft und man ein Dach über dem Kopf hat.


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Kassandras Corona

Dieser Blog schläft seit der WM 2014. Heute wecke ich ihn wieder, nachdem ich soeben ein Video mit einer Schweizerin gesehen habe, die sich als vorerkrankte Betroffene an die Öffentlichkeit wandte.

Wie das Coronavirus Menschen mit Vorerkrankung bedroht

«Es gibt nur eine Antwort für mich. Ich darf das Coronavirus nicht bekommen.»Eine junge Risikopatientin spricht über Hoffnung und Ängste in Zeiten der Epidemie:

Gepostet von NZZ Neue Zürcher Zeitung am Freitag, 20. März 2020

Wenn ich mir die Bilder anschaue, die mein Cousin mir vor 6 Jahren aus Brasilien schickte, schwanke ich zwischen Melancholie (so, als ob es nie wieder möglich sein wird, unbeschwert zu feiern oder sich über Fußballmoderatoren lustig zu machen) und kleiner Zuversicht (Humor war schon immer da, dem kann ein Virus nichts anhaben).

Ich bin vorerkrankt, und ich darf wie die junge Mutter aus der Schweiz dieses Virus nicht bekommen (ihre Sätze könnten von mir sein) – mein Mann und vor allem meine 12-jährige Tochter müssen also nicht „nur“ in der verordneten Isolation leben, sondern auch noch zusätzliche Ängste um mich bewältigen. Für sie heißt es erst recht, auf Hygiene und Abstand zu Mitmenschen zu achten, denn wenn sie das Virus haben, werde ich sehr krank werden und vielleicht sterben. Millionen von Familien auf der ganzen Welt geht es genauso.

Schuldgefühle, weil ich sie besonders einschränke, und Rechtfertigungsdruck vor der Umwelt begleiten mich. Sie werden nicht verschwinden, aber ich bin zuversichtlich, dass wir drei einen Weg finden, damit umzugehen.

Als uns Anfang Januar die ersten Meldungen aus China erreichten, war mir das Szenario, in dem wir alle jetzt stecken, sofort vor Augen. Heimlich bestellte ich 2 Liter Desinfektionsmittel, weil meine Familie es mit dem Händewaschen nicht genau nimmt, und kaufte bei jedem Supermarktbesuch immer etwas mehr ein, um einen kleinen Vorrat anzulegen (by the way: Hier liegt nur 1 Paket Klopapier, daran hatte ich gar nicht gedacht). Mitte Januar habe ich mir eine Atemmaske mit Filter bestellt und tatsächlich noch eine bekommen, weil ich mir das Bild vorstellte, unter vielen Infizierten in einem Wartezimmer beim Arzt zu sitzen. Vorerkrankte müssen ständig zum Arzt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich müsste eigentlich meine Maske und das Desinfektionsmittel in einem Krankenhaus abgeben oder der Kassiererin bei Edeka schenken. Ich erzählte einer Freundin davon, und sie lachte mich aus. Völlig absurd, China ist doch weit weg, du bist mal wieder unnötig panisch, die haben genug Masken, sagte sie.

Vor ein paar Tagen schrieb sie mir: „Ich nenne dich nur noch Kassandra.“

Es ist nur zu allzu menschlich, bedrohliche Szenarien zu verdrängen – würden wir das nicht tun, man könnte das Leben nicht aushalten.

Unterstützung kommt von allen Seiten:

Die Mutter der besten Freundin unserer Tochter nimmt sie zu kleinen Ausflügen mit, weil ich nicht mehr raus darf.

Eine Freundin packt eine Büchertasche, weil dem Kind der Lesestoff ausgeht.

Unsere direkte Nachbarin, selbst gestresst mit Homeoffice, Kleinkind und erkältetem Mann, legt ein Paket Frischkäse und eine Tüte Brötchen vor die Tür.

Der Chef meines Mannes gestattet ihm für unbestimmte Zeit Homeoffice, damit er sich nicht in der U-Bahn ansteckt.

Meine Schwester schickt uns Brettspiele.

Meine Mutter, selbst krank, verbreitet am Telefon heitere Gelassenheit. „Geht doch alles noch“, sagt sie.

Ich versuche auf meine Art, etwas zurückzugeben. Liebevolle Mails schreiben, Buchtipps recherchieren, umsonst Texte lektorieren, einsame Menschen anrufen, Kuchen für die gestresste Nachbarin backen, Trost- und Care-Pakete verschicken, so was eben.

Viele Freunde sind weiterhin für die Gesellschaft aktiv, was mich berührt und aufmuntert, z. B. meine Freundin, die „Frauen gegen die AfD“ gegründet hat. Oder ein befreundetes Paar, das beim NDR rund um die Uhr in den Nachrichtenredaktionen ackert, damit wir seriöse Fakten bekommen.

Viele Freunde sind existenziell bedroht, was mich erschüttert. Ich hoffe, die staatlichen Pakete lindern hier etwas.

Mittags habe ich mich allein aus dem Haus getraut, weil es gerade recht leer war, und bin, in kuriosen Ausweichmanövern um die Passanten, hastig durchs Viertel gestapft. Ohne Maske, ich traute mich nicht, sie aufzusetzen. Man muss sich bewegen, man wird sonst irre, dachte ich. Im Treppenhaus traf ich eine Nachbarin, die ein sehr engagiertes Mitglied bei den Grünen ist. Sie sprach von der problematischen und drastischen Einschränkungen der Freiheit und unserer Grundrechte, und ob wir wohl nach Corona je wieder so freiheitlich leben werden können. Vielleicht bekommen wir sie nie wieder? Noch so eine Kassandra.

Liest man das aktuelle Interview mit Herrn Drosten, wird einem das ganze Ausmaß, aber auch die Notwendigkeit, ganze Nationen einzusperren, noch einmal vor Augen geführt. Demnach werden wir uns noch sehr lange in diesem Zustand einrichten müssen:

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/christian-drosten-coronavirus-pandemie-deutschland-virologe-charite

Dagegen hilft nur, nach der Tagesschau Schmidtflyx vom Schmidt´s Tivoli zu gucken: https://www.tivoli.de/programm-tickets/schmidtflyx-die-streaming-show/

Das ist so blöd, dass es schon wieder gut ist.

Übrigens: Ich mache mich nie wieder über Fußballmoderatoren lustig. Das erste Fußballspiel nach Corona wird mich glücklich machen, egal, was für einen Mist die dann reden.

Kassandra


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E-Mail mit Stil – 3. Die Schlussformel: Nur in Hamburg sagt man Tschüss

Der elegante Abschied:

  1. Gar keine Schlussformel geht gar nicht.
  2. Haben wir mit „Sehr geehrte/Sehr geehrter …“ gestartet, schließen wir mit „Mit freundlichen Grüßen“. Viele verkürzen diese Formel, und je kürzer sie wird, desto weniger freundlich werden wir – dieses wird der Empfänger selbstverständlich auch bemerken. Beispielsweise „Freundliche Grüße“ ( = Na ja, ich will mal nicht so sein), gefolgt von „Grüße“ ( = Ich bin hier absolut im Stress und habe keine Zeit für Dich) oder gar das absolut unhöfliche und wie ein Ohrfeige wirkende „Gruß“ ( = Ich will eigentlich nichts mit Dir zu tun haben und habe Dir das nur geschrieben, weil der Chef das will; oder, noch schlimmer: Ich finde, Du bist inkompetent und meiner Zuwendung nicht wert). Ebenso beleidigend ist es übrigens, die Schlussformel abzukürzen: BG, LG oder gar das krude MfG.
  3. Haben wir mit „Liebe/Lieber …“ gestartet, ist der Spielraum größer – und es kommt auch darauf an, wie gut man sich schon kennt. Hier reicht die Palette der angemessenen höflichen Formeln von „Mit freundlichen Grüßen“ über „Herzliche Grüße“ oder „Herzlichst“ über „Viele Grüße“. Etwas merkwürdig mutet das neuerdings aufgetauchte und aus dem Englischen übernommene „Beste Grüße“ („With best regards“) an – gleichzeitig zu lässig und überheblich im Deutschen, wie ich finde. Man kann sich auch hier, um etwas kreativer zu sein, wieder mit Tageszeiten oder anderen Bezügen zur eigenen Realität behelfen: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend“ oder, wenn man in Hamburg wohnt, „Viele Grüße von der Alster“ oder montags „Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche“ behelfen. Einer meiner Kunden schreibt als Schlussformel immer „Glück auf!“. Das ist doch wirklich zugewandt und zaubert uns gleich ein Schmunzeln ins Gesicht.

 


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E-Mail mit Stil – 2. Die Anrede: Titel, Thesen, Temperamente oder Hallo, ich liebe dich nicht

„Ich empfinde es als höflich, einen Menschen, der mit mir kommuniziert, mit einem netten Gruß anzusprechen“, schreibt Jan Schaumann, Etikette-Trainer. (http://www.sueddeutsche.de/karriere/umgangsformen-im-buero-e-mail-ohne-anrede-der-chef-darf-das-1.1022713)

Ja, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, scheint für viele Menschen im E-Mail-Austausch keinen Wert zu haben. Von gar keiner Anrede („Im Alltag würde kaum jemand auf die Idee kommen, einen anderen Menschen grußlos anzusprechen, um ihm unmittelbar sein Anliegen mitzuteilen. Insofern sollte es das Mindestmaß an Umgangsformen in der schriftlichen Kommunikation bedeuten, eine Unterhaltung im weitesten Sinne ebenfalls damit zu eröffnen“, so Schaumann) bis zu umständlichen und falschen oder auch überhöflichen Formulierungen reicht die Palette. Deshalb:

      1. Gar keine Anrede geht gar nicht. Das ist absolut schlechtes Benehmen.

 

      1. Sehr geehrte Frau / Sehr geehrter Herr / Sehr geehrte Damen und Herren – ist die Standardformel, wenn wir zum ersten Mal Kontakt zu jemandem aufnehmen. „Lieber förmlich als zu vertraulich – Benutzen Sie die vertraulicheren Anredeformen nur bei Leuten, die Sie (…) gut kennen. Sonst ist die Unsicherheit zu groß, ob diese persönliche Art ankommt oder nicht“, empfiehlt auch Christoph Eichhorn. http://www.x-7.de/links/email-netiquette/richtige-anrede.html

 

      1. Liebe Frau / Lieber Herr – Im weiteren E-Mail-Austausch, wenn man sich „kennengelernt“ hat, ist es durchaus angebracht, einen persönlicheren Ton anzuschlagen. Viele Menschen mögen das „Liebe / Lieber“ aber nicht und führen das Argument an, man würde sich seinen Vorgesetzten, Kollegen oder Geschäftspartner ja nicht inniglich verbunden fühlen. Tatsächlich wird es ein wenig heikel, wenn man zum „Liebe / Lieber“ übergegangen ist – und es kommen eine unangenehme Job-Auseinandersetzung, ein Missverständnis oder gar Fehler, die man im geschäftlichen Austausch gemacht hat, dazwischen. Dann kann der Ton schon einmal frostig werden und von Lieb haben ist keine Rede mehr. Was tun? Vor allem im Intranet, wo sich Kollegen und Kolleginnen, die wir auch täglich in der Kantine, am Drucker oder am Waschbecken der Toilette treffen, per E-Mail austauschen, kann es peinlich werden. Ich rate: entweder nie zum Lieben übergehen und immer das Ehrenwerte wählen, denn hat man sich einmal lieb gehabt, kommt die Rückkehr zur Sachlichkeit nicht gut an. Oder strikt beim Lieben bleiben und den Konflikt alsbald telefonisch oder im persönlichen Gespräch klären.

 

      1. Hallo – Viele Stilratgeber für Geschäftskorrespondenz haben nichts gegen diese lässige Allerweltsbegrüßung. Ich rate dringend ab: „Hallo“ sage ich zu dem Nachbarshund, der die Nacht auf meiner Türmatte verbracht hat, oder mit einem Lächeln zu der Bäckereiverkäuferin, die mir das größte Stück Butterkuchen geben soll. Man sagt es auch zu Bekannten, die man auf der Straße trifft oder zu Freunden, die abends anrufen. In der geschäftlichen Korrespondenz hat es nichts zu suchen, weil wir mit Kollegen, Vorgesetzten, Dienstleistern und Kunden nicht befreundet sind. Denn „Hallo“ vermittelt nur eins: Du bist weder „geehrt“ noch „geliebt“ und ich befinde Dich gerade noch wert, Dich mit einem hilflosen „Ich-weiß-auch-nicht-wie-ich Dich-ansprechen-Soll“ zu beschenken. Da wir sprachlich begabte Wesen sind, bedienen wir und also einiger kreativer und viel passenderer Varianten. Z. B.:

 

      1. Guten Tag, Frau / Herr… oder andere Tageszeiten, zu denen wir gerade die E-Mail schreiben. Eine Variante, die ich gern verwende, ist, schon mit dem Inhaltlichen zu beginnen und in der ersten Zeile den Namen einzuflechten: „Ihr Hund hat wieder meine Türmatte vollgehaart, liebe Frau Meier, …“

 

      1. Damit sind wir schon bei den Namen unserer Adressaten – ganz schlechter Stil ist es, den Namen des Empfängers falsch zu schreiben, das kann durchaus beleidigend wirken, weil man kein echtes Interesse zeigt. Ob die Hundebesitzerin Meier, Maier, Mayer oder gar Meyer geschrieben wird, sollte man also unbedingt vor dem Absenden noch einmal überprüfen.

 

      1. Für viele Menschen undurchschaubar ist auch die Handhabung im Schriftverkehr mit Titeln und akademischen Graden. Für eine Person, die mehr als einen Titel hat wird nur der höchste Titel genutzt. Professorin Dr. vet. Meier wird mit „Sehr geehrte Frau Professorin“ angeschrieben. Bei der Anrede von mehreren Personen muss die Hierarchie beachtet werden. Genannt wird immer zuerst der/die Ranghöhere: „Sehr geehrte Frau Professorin Meier, sehr geehrte Frau Dr. Müller…“ Sind beide gleichgestellt, wird zuerst die Frau erwähnt. (http://www.knigge.de/themen/kommunikation/briefe-11616.htm) Grundsätzlich gilt: Für die korrekte Anrede spielen heute nur noch die akademischen Grade und Adelstitel eine Rolle. Berufs- und Funktionsbezeichnungen können wir weglassen.

 

 

 

 

 

 


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E-Mail mit Stil: 1. Die Betreffzeile – Übergewicht ist ungesund

Manche Leute meinen, dass sie jedwede Information gleich in die Betreffzeile pressen müssen, weil sie fürchten, man lese die eigentliche Mail erst gar nicht. Oft finden wir dieses Vorgehen in unserem Spam-Ordner, oder wenn jemand uns zum ersten Mal kontaktiert. Dieses „Alles-rein-was-geht“ ist nicht nur kontraproduktiv (meist löschen wir diese Mails tatsächlich sofort), sondern auch stillos und unhöflich. Haben wir ein seriöses Anliegen, schreiben wir das Wesentliche in maximal drei bis vier Schlagwörtern in die Betreffzeile und vertiefen unser Begehren in „italienischer Länge“ (S. Kapitel 7).

Ein Beispiel aus dem Lektoratsbüro: Ein Autor, dessen Roman ich zur Hälfte durchgearbeitet hatte, konnte es vor lauter Neugierde und Nervosität nicht mehr aushalten und wollte unbedingt wissen, wie meine Einschätzung seines Manuskripts ausfällt. Ich hatte aber im Vorgespräch ganz deutlich gemacht, dass er sich gedulden müsse, bis ich die letzte Seite lektoriert hätte – sonst könne ich gar kein umfassendes Urteil abgeben.

Die Betreffzeile seiner Verzweiflungsmail sah so aus:

„Hilfe! Ich bin so neugierig, ich kann nicht schlafen, können Sie mir bitte etwas zu meinem Roman sagen, vor allem zum 7. Kapitel, das war doch noch so unausgereift …“

Natürlich brach der Text ab, denn die Betreffzeile bietet nun einmal wenig Raum. Im eigentlichen Textfeld stand – nichts. Nicht einmal eine freundliche Anrede oder eine vertiefende Analyse seiner Missstimmung. So etwas forciert schlechte Stimmung beim Empfänger, und die Antwort wird höchstwahrscheinlich ziemlich unwirsch ausfallen.

Ausrufungszeichen, Inversalien und Emoticons haben in der Betreffzeile absolut nichts zu suchen, denn wer den Empfänger anbrüllt, muss damit rechnen, gleich aus dem Verteiler gelöscht zu werden.

Eine wirklich schöne Haltung zur Betreffzeile hat Heike Thormann

(http://www.kreativesdenken.com/artikel/e-mails-schreiben.html):

„Wenn Sie wollen, dass Ihre E-Mail ungelesen gelöscht wird, dann verzichten Sie auf die Betreffzeile oder füllen Sie sie mit Schlagworten wie „wichtig, neu, aktuell, hot.“ Oder man macht es so wie mein verzweifelter Autor. Und weiter schreibt sie: „Der Betreff entscheidet, ob ich eine E-Mail lese oder nicht. Der Betreff entscheidet, ob ich eine E-Mail wiederfinde oder nicht. Der Betreff entscheidet, ob ich eine E-Mail lösche oder nicht. Alles andere ist Notwehr.“

Thormanns Haltung zur Rechtschreibung ist allerdings denkwürdig: „Wenn Sie mit der NDR (neuen deutschen Rechtschreibung) auf Kriegsfuß stehen, dann verwenden Sie die alte ( … ). Aber verwenden Sie eine.“

So geht das natürlich nicht.


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E-Mail mit Stil

Jeden Tag bekommen wir nicht nur unfassbar viele Mails – die meisten davon müssen wir auch beantworten. Mails zu lesen und sich oft über ungenaue Angaben in der Betreffzeile, unfreundliche oder unpassende Anreden oder Schlussformeln, fehlerhafte oder nicht vorhandene Kontaktdaten, unleserliches Schriftbild oder zuhauf Orthografie- und Grammatikfehler zu ärgern, ist die eine Sache. Es aber selbst besser zu machen, ist eine andere.

Man kann sich natürlich einfach den entsprechenden Duden-Band zur Geschäftskorrespondenz anschaffen und sich intensiv mit der DIN 5008, die die Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung festlegt, beschäftigen. Aber wer hat schon Zeit dafür? In den folgenden Wochen wird sich die Sprach- und Stilkritik deshalb diesen Themen widmen:

  1. Die Betreffzeile – Übergewicht ist ungesund
  2. Die Anrede: Titel, Thesen, Temperamente oder Hallo, ich liebe dich nicht
  3. Die Grußformel: Nur in Hamburg sagt man Tschüss