Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.


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Aliterationsverzückung oder die erschöpfte Erleichterung – WM-Sprach- und Stilkritik zum 30.6.2014

Jeder dritte Deutsche ist nach einer Studie des Allensbachinstitutes Fußballfan oder fußballbegeistert (http://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_reportsndocs/prd_1205.pdf). Zu Zeiten von Europa- und Weltmeisterschaften steigt dieser Anteil auf etwa 60 Prozent an. 28 Millionen Deutsche haben gestern Abend das Spiel Deutschland – Algerien geschaut, und wahrscheinlich waren es noch viel mehr (Kinder, die wegen des Lärms nicht schlafen konnten, Haustiere, die erschrocken auf den Schoß ihrer Besitzer krochen, …) (http://www.quotenmeter.de/cms/?feed=1). Gehen wir davon aus, dass etwa zwei Drittel der Zuschauer berufstätig sind oder sich in der Ausbildung befinden, kann man guten Gewissens behaupten, dass etwa ein Viertel der Deutschen sich heute in einem Zustand erschöpfter Erleichterung befindet, die konzentriertes Denken, klare Entscheidungen, fehlerfreie E-Mails, Referate ohne Stotterer oder Mittagspausen mit dem Thema „Wir besprechen bei Currywurst/Tofu-Auflauf das Meeting um 3“ unmöglich macht. Ich empfehle unbedingt, bei der Anschaffung neuer Autos, Elektrogeräte oder Möbel darauf zu achten, dass diese nicht am 1. Juli 2014 produziert wurden.

Bela Rethy hat sich allerdings von Beginn bis zum aufreibenden Ende des Spiels in einem Zustand aliterativer Verzückung befunden, die ihn, fast noch eruptiver als Gerd Gottlob, durchdampfplaudern ließ. Ich habe versucht, die Zeit zu stoppen, in der er nicht redete. Es waren etwa 3 Minuten. Auch das trägt sicher zur heutigen deutschen Asthenie bei.

BRs wirklich allerschlimmster Satz, der beispielhaft für seine beängstigende Ausdrucks- und Satzbauweise stehen darf: „Der Imam wurde eingeflogen, um die Erlaubnis zu erteilen, dass man essen darf, weil man auf Arbeit ist.“ Zunächst verwendet er das umständliche Passiv, das sich jeder angehende Journalist schon im Volontariat austreiben sollte: statt „wurde“ heißt es „Der Imam flog von Algier nach Porto Alegre …“. Substantive lassen Texte statisch wirken, Verben „laufen“, also: „ … um den Spielern der algerischen Mannschaft zu erlauben …“. Das „man“, ein sogenanntes „unbestimmtes Indefinitpronom“ verhilft uns dazu, die Beteiligten nicht zu nennen (dafür ist übrigens auch das Passiv sehr praktisch). Damit wir also erfahren können, wer isst und wer arbeitet, sollte es besser so lauten: „ … dass sie trotz des Ramadans vor der Dämmerung essen dürfen, um kräftig genug für das Spiel zu sein.“ Das Adverb „auf“ in Verbindung mit „Arbeit“ gibt dem Ganzen den Rest. Es heißt richtig „bei der Arbeit“. Wer sitzt schon „auf seiner Arbeit“? Diesen Satzteil können wir getrost streichen.

Der Satz noch einmal in überarbeiteter Fassung: „Der Imam flog von Algier nach Porto Alegre, um den Spielern der algerischen Mannschaft zu erlauben, dass sie trotz des Ramadans vor der Dämmerung essen dürfen, um kräftig genug für das Spiel zu sein.“

Das Wort „Anschwitzen“ war mir im Zusammenhang mit Sport noch nicht bekannt (Zwiebeln lassen sich prima anschwitzen, das wusste ich) und ist eine Wendung für das althergebrachte „Aufwärmen“, hat aber eine irgendwie lautmalerische Wirkung.

Wenn BR das Spiel so wie mein Lieblingsnerd mit drei klaren Feststellungen kommentiert hätte, wären wir heute vielleicht nicht ganz so ausgelaugt:

  1. 1. Halbzeit, 10. Minute: „Alle 2 Jahre bin ich Trainer der Nationalmannschaft. Ansonsten habe ich keine Ahnung und ich muss auch nicht anschwitzen.“
  2. 2. Halbzeit, 70. Minute: „Boateng ist eine Schlampe.“
  3. Verlängerung, 121. Minute, nach dem Anschlusstreffer Algeriens: „Und jetzt alle hinten rein und dann ist gut.“

 

Manuel Neuer war noch gar nicht geboren, als dieser Film lief, aber vielleicht lag die DVD in seinem Zimmer am Abend vor dem Spiel herum: http://www.kino.de/kinofilm/manni-der-libero/83093