Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.


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Phraseologische Zwillingsformeln, Alliterationen mit Anfangslaut und Gottes Fügungen – WM-Sprach- und Stilkritik zum 18.6.2014

Me (Scholl) war zunächst nicht in Form, wirkte desolat und übermüdet, stotterte und hatte Wortfindungsstörungen, was bei Mo (Opdenhövel) zu enerviertem Augenrollen führte. So war der M-und-M-Prolog zum Spiel Australien – Niederlande auf das Wesentliche beschränkt.

Mo: „Bist du geistig da … ?“

Me: „Äh, nö, ja, ich heb dann die Hand?“

Ein temporeiches und spannendes Spiel sorgte auch nicht dafür, Me aufzuwecken.

Me: „Gibt’s ein Wort für super?“

Mo: „Ja, äh, … großartig?“ (Hier hätte ich von einem Mann, der sein Geld mit Sprechen verdient, aber mehr Synonyme erwartet: aufsehenerregend, außerordentlich, beeindruckend, bestechend, bemerkenswert, erstaunlich, fulminant, brillant, bewundernswert, …)

Zum Spiel Spanien- Chile wurde Me endlich munter, ja geradezu erfrischt erklomm er schwierige sprachliche Höhen und steckte damit auch Gerd Gottlob und Mo an.

Me: „Wucht und Wille, die zwei W’s reichen aus, um Spanien zu besiegen.“

Mo: „Tiki-Taka ist jetzt reif für Taka-Tuka.“

GG: „Da packt ihn der Wahnsinn, das kann doch nicht wahr sein.“

Mo: „W und W und T und T – höhöhöhö!“

http://de.wikipedia.org/wiki/Alliteration

http://de.wikipedia.org/wiki/Phraseologismus

Nach dem Spiel wurde Cristo Redentor (Christo der Erlöser) eingeblendet, was Mo zu einem wirklich blamablen Hinweis auf den nicht verstehbaren Willen des Himmels verleitete: „Auch Christus konnte den Spaniern nicht helfen, die Messe ist gesungen.“

Die Australier tragen tapfer die Niederlage und ebenso tapfer eine grüngelbe 60er-Jahre-Kombination, die besser zu diesem Verein passen würde:

http://www.fsv-gruen-gelb-osterfeld.de/Joomla/index.php

 


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Über die gefühlten „Wie“ und „Als“ in keinster Weise – WM-Sprach- und Stilkritik zum 17.6.2014

Olli 2 (Herr Kahn) hat ja schon 2010 eine klare Unsicherheit in dem Gebrauch der Vergleichspartikel „wie“ und „als“ gezeigt. Nach „gefühlten“ (dazu gleich mehr) 15 Fehleinsätzen deshalb heute eine Anweisung zum richtigen Gebrauch. http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/als-wie

Ja, und auch Olli 1 verzettelt sich manchmal in Umgangssprache: „Bis dahin war es ein gefühlter Sieg.“ Man kann einen Sieg natürlich nicht „fühlen“, man kann ihn aber erwarten oder annehmen. Dieses nervtötende avantgardistisch daherkommende „gefühlt“ ist ein (falsches) Synonym für „etwa/ungefähr“. Nun ja, Gefühle können schon einmal ungefähr sein.

Herr Rethy wieder ganz in seinem Element: „Sie sind in keinster Weise zu beschäftigen.“ „In keinster Weise“ steht tatsächlich im Duden und meint, umgangssprachlich scherzhaft, „überhaupt nicht“. Grammatikalisch ist das allerdings ganz und gar falsch, denn „kein“ ist nicht steigerbar. Und „gefühlt“ waren sowohl Brasilianer als auch Mexikaner ziemlich beschäftigt, wenn auch ergebnislos.

Auch Marouane Fellaini folgt dem Retrotrend, dieses Mal Richtung Siebzigerjahre: Die Paul-Breitner-Matte hat Stil! Fellaini-Fans sollten unbedingt bei der nächsten Versteigerung mitbieten:

http://www.ebay.de/itm/Afro-Paul-Breitner-Style-Peruecke-Porno-Locken-70er-Zuhaelter-Karneval-Fasching-/200762064444


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Die versohlte iberische Halbinsel (frei nach M. Opdenhövel) – WM-Sprach- und Stilkritik zum 16.6.2014

Zur iberischen Halbinsel gehören nicht nur Portugal, sondern auch Spanien, Andorra und Gibraltar – und so können wir uns doch wirklich über die Übermacht der deutschen Mannschaft freuen, die in 90 Minuten gleich 4 Staaten „versohlt“ hat.http://de.wikipedia.org/wiki/Iberische_Halbinsel

Knappste Analyse, die an Professionalität und sportjournalistischem Know-how nichts zu wünschen übrig lässt:
Mo (Opdenhövel): „Ein Wort zu Ronaldo?“
Me (Scholl): „Nö.“
Dafür gebe ich doch gern Gebühren aus.

Unsinnigste Feststellungen:
Mo: „Er hat seine Muskeln in der Kabine gelassen.“
Me: „Das geht nur mit Mannschaft, sonst nicht.“

Unser aktueller Nationalheld Thomas Müller leidet nach dem Spiel an einer partiellen Amnesie und meint zu dem Disput mit Pepe:
„Ich weiß gar nicht, wie ich mich aus der Affäre gezogen habe.“


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Exempel für einen guten Dialog oder: das Geburtstagsgeschenk und das p’tit vélo – WM-Sprach- und Stilkritik zum 15.6.2014

Exempel für einen guten Dialog oder: das Geburtstagsgeschenk und das p’tit vélo

Olli 1 (Herr Welcke): „Hier noch ein Überraschungsgruß für – dich, Olli.“

[Niedrigst aufgelöstes Video mit Happy-Birthday-Grüßen von Me (Herr Scholl) und Mo (Herr Opdenhövel) für Olli 2 (Herr Kahn) wird eingespielt]

Mo: „Und wir haben heute frei, Mitleid für die heiße Terrasse …“

Olli 1 (an die Zuschauer): „Und jetzt trocknen Sie Ihre Tränen für jemanden, der hier in Rio de Janeiro auf der Terrasse stehen darf den ganzen Tag …“

Olli 2: „ … den lieben langen Tag nur Fußball …“

Olli 1: „Genau, der den lieben langen Tag nur über Fußball reden darf, das einzige Thema, das ihn interessiert.“

Olli 2s Gesichtszüge gehen nach unten, er versucht aber, das Grinsen zu halten.

Wir schätzen Olli 1 wegen seiner bissigen und pointierten heute-show. Wir belächeln Olli 2 hin und wieder wegen seiner unkritischen und unpolitischen Haltung zur Welt. Jemanden, der Geburtstag hat, vor laufender Kamera derartig in Misskredit zu bringen, zeugt aber von ganz, ganz schlechtem Stil. Ganz böse wurde es dann in der Halbzeitpause des Spiels Frankreich – Honduras

Olli 1: „Ist ja gut, dass die Technik (die neue Torlinientechnologie) erst nach deinem Karriereende eingeführt wurde. Du hast gerade noch rechtzeitig Schluss gemacht.“

Meine Prognose: Die unterschwellige Abneigung des intellektuellen Journalisten gegen einen, der arrogante Oberlehrer nicht ausstehen kann, wird am Ende der WM zur Scheidung führen.

Meine ganze Sympathie gehört Mathieu Valbuena, er ist nämlich nur unwesentlich größer als die Eckfahne (http://home.arcor.de/fussball-sport/regeln/regel01.html) und damit immer noch größer als ich.


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Mann mit Dutt gegen pura vida und Kreuzritter gegen cane non mangia cane – WM-Sprach- und Stilkritik zum 14.6.2014

Was für ein Abend! Das ARD-Team hat wieder alle Rekorde gebrochen, was schlechte Manieren und sprachliche Tiefschläge betrifft. Ich bin trotzdem ein heimlicher Fan von Mehmet Scholl (Me), dessen zurückhaltender Charme recht niedlich daher kommt und dem ich deswegen manche Entgleisung gern verzeihe. Zudem hat er gegen Matthias Opdenhövel (Mo) keine Chance. Beide fallen sich ständig ins Wort, wobei Mos Frequenz bei geschätzten 70 Prozent liegt – dafür gibt es eine 6 in gutem Betragen, schließlich soll man den anderen ausreden lassen.

Mos Sprechgeschwindigkeit hat sich seit 2010 noch einmal erhöht, sodass es mitunter schwierig ist, den Sinn der heruntergehetzten Sätze zu erschließen – dafür gibt es eine 6 im Fach Rücksichtnahme auf den zuhörenden Zuschauer. Mos schönste Fehlleistungen: 1. „Manaus ist definitiv die Sauna der WM.“ Er meinte das Stadion, in dem es sehr schwül ist; und eine Weltmeisterschaft kann keine Sauna sein. Zum zweiten hätte ein Hinweis auf den unsinnigen Bau der Arena im Dschungel, bei dem 4 Menschen starben, etwas Tiefe geboten. Ich stelle aber immer wieder fest, dass Sportreporter entweder falsch oder gar nicht recherchieren. 2. „Das wird mich in meiner Meinung nicht umändern.“  Mo gibt hier den versierten Simultan-Dolmetscher eines Twitterbeitrags von Buffon. Dafür gibt es natürlich eine 6 im Fach Italienisch.

Mes dümmliche Feststellung „Der Grieche an sich stolpert ins Turnier“ ist keine Glanzleistung, was Respekt betrifft. Das umgangssprachliche „an sich“ suggeriert zudem, dass jeder Grieche bei Turnieren stolpert; und eigentlich meint Me, dass die griechische Mannschaft etwas Zeit braucht, um bei der WM gut Fußball zu spielen. Gut gefallen hat mir Mes „afrikanische Grätschen gegen südamerikanische Fouls“ – das zeigt ausbaufähiges Potenzial, Herr Scholl.

Gerd Gottlob, Moderator des Spiels Kolumbien – Griechenland: „Das Spielverständnis war nicht optimal ausgenutzt.“ Ein Verständnis kann man nicht ausnutzen, man kann allerdings seinen Verstand benutzen, um etwas mehr Verständnis zu erlangen.

Tom Bartels, Moderator des Spiels Uruguay – Costa Rica: „Mit beiden Beinen um den Bauch fassen, das macht einen vorzüglichen Eindruck.“ Dies war ein Kommentar zu einem Foul, bei dem ein Spieler einen anderen mit den Beinen umklammerte (Hände können fassen, Beine jedoch nicht), und das machten eher keinen guten Eindruck.

Die Griechen tragen hanseatische Polokragen und versuchen sich im maritimen Look. Das hat leider nicht dazu beigetragen, das Schiff in den sicheren Hafen zu lotsen.

Martin Cáceres, der Mann mit dem Dutt, zeigt uns den Bund seiner Unterhose mit dem Aufdruck „men“ – eine reizvolle Mischung aus 50er-Jahre-Frisur und Genderzuordnung. So macht er unmissverständlich klar, dass er wirklich ein Mann ist (und nicht etwa eine Frau).

Die englischen weißen Warmhaltecapes mit überdimensionalem roten Kreuz auf dem Rücken erinnern an Richard Löwenherz, der es auch beim dritten Kreuzzug nicht schaffte, Jerusalem einzunehmen. Da hat der Ausstatter der englischen Mannschaft leider kein Gewinner-Symbol ausgewählt.


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Es hat geregnet oder: Olli und Olli und Olli – WM-Sprach- und Stilkritik zum 13.6.2014

Das Thema Regen durchzog den Abend; nun ist es ja so, dass die Menschen generell gern über das Wetter im Allgemeinen und Besonderen sprechen. Für Sportreporter wie Thomas Wark, verbale Begleitung des Spiels Mexiko-Kamerun, ist dieses in fast jedem verankerte Bedürfnis nach Austausch über klimatische Bedingungen ein Gottesgeschenk: haben sie nichts zu sagen, können sie nicht einfach schweigen und uns in Ruhe das Spiel beobachten lassen. Nein, sie geben wetteraffine Bonmots wie „Auf trockenem Rasen hätt‘ er ihn vielleicht gekriegt“ oder „Finke ist nicht wasserscheu“ von sich. Was soll der arme Volker auch machen, wenn es beim ersten WM-Spiel seiner Mannschaft in Strömen regnet? Sich vom Spielfeldrand in die überdachte Lobby retten und die nassen Kameruner ohne trainerlichen Trost verlieren lassen? Wark ließ sich auch zu peinlichen Phrasen wie „Der Ball ist wirklich drin“ oder „Das war dunkelgelb“ hinreißen. „Das war hellrot“ hätte zumindest den Anschein von Einfallsreichtum gehabt.

In der Akademie bringe ich den Teilnehmern bei, dass ein guter Dialog kompakt, trotzdem bildreich sein muss und die Sprechenden unbedingt zu charakterisieren hat. Das Exempel eines schlechten Dialogs sieht so aus:

Olli 2 (Herr Kahn) in der Halbzeitpause: „Das Tor ist symptomatisch gewesen.“ –  Olli 1 (Herr Welcke): „Ach so.“

Den Prolog „Endlich hat es aufgehört zu regnen“ (http://deutsch.lingolia.com/de/grammatik/zeitformen/perfekt)  Spiel Spanien – Niederlande hätte Herr Schmidt (Olli 3) sich auch sparen können. Im Übrigen hielt Olli 3 sich angenehm und sachlich zurück. Nur die richtige Verwendung der Verbtempi Perfekt und Futur 1 (s. Verweise) wollten ihm nicht ganz liegen, hier kann aber ein Blick in eine seriöse Grammatik sicher Abhilfe schaffen.

Um bei den Wetter-Expressionen zu bleiben: Olli und Olli tauen langsam auf, brauchen aber noch ein wenig Zeit, bis sie Händchen halten können. Olli 2s Kalauer sind entschiedene Hemmsteine.

Über Kleidungsfragen gibt es heute nichts zu sagen. Es hat einfach zu viel geregnet.

Gereizte Stimmung erzeugt bei mir, dass keiner der Kommentatoren es für nötig befand, die ärmsten Brasilianer zu erwähnen, die dem Stadion weichen mussten und in durchnässenden Zeltstädten leben, bis sie in eine der 2000 von der Regierung versprochenen Wohnungen umsiedeln werden können (http://deutsch.lingolia.com/de/grammatik/zeitformen/futur-1). Mit Glück sind diese pünktlich zur WM 2018 in Russland fertiggestellt.


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Olli und Olli – WM-Sprach- und Stilkritik zum 12.6.2014

Olli und Olli sind ein ungleiches Paar in fast identischem Outfit, das sich erst aneinander gewöhnen muss. Grundsätzlich ist Herr Kahn (Olli 2) heiter und beschwingt und erfreut uns mit Gelächter über seine eigenen Kalauer, die niemand außer er selbst lustig findet. Herr Welcke (Olli 1) mit müdem Ton und angestrengtem Grinsen: „Hehehe.“

Olli 2: „Es ist nicht leicht, das Meer zu beherrschen.“ Dies mutet fast lyrisch an – Inspiration für solch zauberhafte Poesie bot sicher das im Hintergrund vor sich hinkabbelnde Wasser, das an die Copacabana schwappt – entlockte Olli 1 nur ein erstauntes Augenbrauenzucken. Was das unbeherrschbare Meer mit Fußball zu tun hat, bleibt das ungelöste Rätsel des Abends.

„Das Bier wurde im Kloster erfunden.“ Ah, kulturhistorisches Wissen wird hier dem geneigten Zuschauer vor dem Eröffnungsspiel auf den Weg gegeben. Wie man unschwer an Kahns seit 2010 angeschwollener Plauze, nur notdürftig von einem über dem Hosenbund flatternden Hemd kaschiert, erkennen kann, hat er dies Fachwissen sicher in der einen oder anderen Restauration erworben. Wann und in welchem Kloster genau das Bier erfunden wurde, bleibt offen.

Alle Herren tragen, ganz dem Retro-Trend Richtung 80er-Jahre verpflichtet, die Hemdsärmel auf halbe Unterarmlänge gekrempelt. Unelegant.

Frau Katja Müller-Hohenstein (KMH), mein Lieblingsfußball-Stilkritik-Objekt, ist auf einmal erblondet und genetisch bedingt sicher nicht gelockt. Wie angemessen ist eine künstlich hergestellte Farrah-Fawcett-Mähne mit Ende 40? Ich würde es berufsjugendliche Moderatorinnen-Frisur nennen. Nicht nachahmenswert.

Sprachartist Rethy beglückt uns gleich zum Eröffnungsspiel mit wohlfeilen Bemerkungen wie „Die Brasilianer kommen langsam ins Rollen“ – nach 30 Minuten, in denen der schnellste Fußball gespielt wurde, den man je gesehen hat. Und überhaupt: Rollen hat doch etwas mit Rädern zu tun und nichts mit Füßen.

Olli 2 in der Halbzeitpause: „Er (Neymar) ist ein Temperamentsbündel.“ Ja, das ist doch einmal eine kreative Wortneuschöpfung. Hinlänglich bekannt sind das „Energiebündel“ oder der „Temperamentsbolzen“ …

Die Kroaten tragen stoisch und selbstbewusst wieder alpine Bettwäsche. Ich mag das irgendwie.