Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.


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Kassandras Corona – wie es jetzt ist

Das Denken an Danach ist auch eine Option

Der Mann stapft jetzt morgens vor Dienstbeginn mit dem Hackenporsche zum Supermarkt und stellt sich um halb acht in die Reihe – Mehl und Klopapier sind in unserem Supermarkt seit heute rationiert: 1 Einheit pro Einkauf werden nur noch ausgegeben. „Das ist doch unwürdig“, sagt er verdrossen.

„Was denn? Die Rationierung oder die Peinlichkeit, mit Hackenporsche in der Öffentlichkeit erkannt zu werden? Du kannst jedenfalls rausgehen“, sage ich verdrossen.

Dann schauen wir uns schweigend an, weil wir, ohne darüber nachzudenken, einen winzigen Moment alltägliche Paarkabbelei ausgetauscht haben. Bis uns einfällt, worum es eigentlich geht, und dass man darüber nicht meckern darf, wenn auf der ganzen Welt Menschen an diesem Virus sterben und Obdachlose und Flüchtlinge in Griechenland dem Ganzen völlig schutzlos ausgeliefert sind oder Frauen und Kinder häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, weil die Männer nicht mehr mit den Kumpels ins Stadion gehen können.

Ich habe gestern um 18 Uhr stümperhaft die Ode „An die Freude“ bei geöffnetem Fenster auf dem Klavier gespielt. Das war seltsam tröstlich, auch wenn kein Mensch zugehört hat – in unserer Straße wohnen nur Kulturbanausen, die nur dann Musik machen, wenn der HSV ein Mal im Jahr ein Tor zustande bringt. Worüber ich mich jedes Mal schrecklich aufrege – jetzt sehnt man es herbei. „Normalität bezeichnet in der Soziologie das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt. In der Psychologie bezeichnet Normalität ein erwünschtes, akzeptables, gesundes, förderungswürdiges Verhalten im Gegensatz zu unerwünschtem, behandlungsbedürftigem, gestörtem, abweichendem Verhalten.“ (Wikipedia, Abruf 23.3.2020)

Unser zweijähriges Nachbarskind bekam von uns eine Kiste Bauklötze und eine Holzeisenbahn vor die Tür gestellt. Man hört seitdem begeistertes Juchzen von nebenan. Das ist ein wunderbares Geräusch. Überhaupt scheint es mir, als hätten die Kinder am wenigsten Anpassungsprobleme. „Ist halt so, geht schon“, sagt meine Tochter und freut sich, wenn in der virtuellen Klassenstunde auf einmal 25 Gesichter aufploppen oder ihre Gitarrenlehrerin per Skype einen Scherz macht.

Ich wäre gern eine Drohne, die an den Fenstern nicht nur meiner Freundinnen und Freunde vorbeisaust: zum Beispiel bei dem Freund, der in Tirol war und jetzt in Quarantäne steckt und ängstlich jedes Unwohlsein auf Corona abklopft. Die Corinna-Drohne würde ihm zuwinken (können Drohnen das?).

Gern auch bei Frau Merkel, die seit gestern selbst isoliert ist – hier kann man nachlesen, wer sie vertritt, fall sie krank wird: https://www.news.de/politik/855834790/angela-merkel-in-coronavirus-quarantaene-aktuell-vertretung-der-bundeskanzlerin-im-krankheitsfall-oder-ausfall/1/. Herr Scholz soll übrigens auch erkältet auf seinem Balkon sitzen. Vielleicht bastle ich heute ein Minister-Memory. Dann lernt man gleich auch alle Namen des Kabinetts.

Manche Menschen bewahren Heiterkeit und Optimismus, so auch dieser anregende und beruhigende Text des Zukunftsforscher Matthias Horx, den mir eine kluge Freundin zukommen ließ: https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona.

Ich empfehle jedem, ein Mittagsschläfchen zu machen – eine Stunde alles auszublenden, kann ungemein dazu beitragen, die Contenance zu bewahren und die Verhältnismäßigkeit im Auge zu behalten, solange man noch gesund ist, der Mann mit dem Hackenporsche einkauft und man ein Dach über dem Kopf hat.


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Kassandras Corona

Dieser Blog schläft seit der WM 2014. Heute wecke ich ihn wieder, nachdem ich soeben ein Video mit einer Schweizerin gesehen habe, die sich als vorerkrankte Betroffene an die Öffentlichkeit wandte.

Wie das Coronavirus Menschen mit Vorerkrankung bedroht

«Es gibt nur eine Antwort für mich. Ich darf das Coronavirus nicht bekommen.»Eine junge Risikopatientin spricht über Hoffnung und Ängste in Zeiten der Epidemie:

Gepostet von NZZ Neue Zürcher Zeitung am Freitag, 20. März 2020

Wenn ich mir die Bilder anschaue, die mein Cousin mir vor 6 Jahren aus Brasilien schickte, schwanke ich zwischen Melancholie (so, als ob es nie wieder möglich sein wird, unbeschwert zu feiern oder sich über Fußballmoderatoren lustig zu machen) und kleiner Zuversicht (Humor war schon immer da, dem kann ein Virus nichts anhaben).

Ich bin vorerkrankt, und ich darf wie die junge Mutter aus der Schweiz dieses Virus nicht bekommen (ihre Sätze könnten von mir sein) – mein Mann und vor allem meine 12-jährige Tochter müssen also nicht „nur“ in der verordneten Isolation leben, sondern auch noch zusätzliche Ängste um mich bewältigen. Für sie heißt es erst recht, auf Hygiene und Abstand zu Mitmenschen zu achten, denn wenn sie das Virus haben, werde ich sehr krank werden und vielleicht sterben. Millionen von Familien auf der ganzen Welt geht es genauso.

Schuldgefühle, weil ich sie besonders einschränke, und Rechtfertigungsdruck vor der Umwelt begleiten mich. Sie werden nicht verschwinden, aber ich bin zuversichtlich, dass wir drei einen Weg finden, damit umzugehen.

Als uns Anfang Januar die ersten Meldungen aus China erreichten, war mir das Szenario, in dem wir alle jetzt stecken, sofort vor Augen. Heimlich bestellte ich 2 Liter Desinfektionsmittel, weil meine Familie es mit dem Händewaschen nicht genau nimmt, und kaufte bei jedem Supermarktbesuch immer etwas mehr ein, um einen kleinen Vorrat anzulegen (by the way: Hier liegt nur 1 Paket Klopapier, daran hatte ich gar nicht gedacht). Mitte Januar habe ich mir eine Atemmaske mit Filter bestellt und tatsächlich noch eine bekommen, weil ich mir das Bild vorstellte, unter vielen Infizierten in einem Wartezimmer beim Arzt zu sitzen. Vorerkrankte müssen ständig zum Arzt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich müsste eigentlich meine Maske und das Desinfektionsmittel in einem Krankenhaus abgeben oder der Kassiererin bei Edeka schenken. Ich erzählte einer Freundin davon, und sie lachte mich aus. Völlig absurd, China ist doch weit weg, du bist mal wieder unnötig panisch, die haben genug Masken, sagte sie.

Vor ein paar Tagen schrieb sie mir: „Ich nenne dich nur noch Kassandra.“

Es ist nur zu allzu menschlich, bedrohliche Szenarien zu verdrängen – würden wir das nicht tun, man könnte das Leben nicht aushalten.

Unterstützung kommt von allen Seiten:

Die Mutter der besten Freundin unserer Tochter nimmt sie zu kleinen Ausflügen mit, weil ich nicht mehr raus darf.

Eine Freundin packt eine Büchertasche, weil dem Kind der Lesestoff ausgeht.

Unsere direkte Nachbarin, selbst gestresst mit Homeoffice, Kleinkind und erkältetem Mann, legt ein Paket Frischkäse und eine Tüte Brötchen vor die Tür.

Der Chef meines Mannes gestattet ihm für unbestimmte Zeit Homeoffice, damit er sich nicht in der U-Bahn ansteckt.

Meine Schwester schickt uns Brettspiele.

Meine Mutter, selbst krank, verbreitet am Telefon heitere Gelassenheit. „Geht doch alles noch“, sagt sie.

Ich versuche auf meine Art, etwas zurückzugeben. Liebevolle Mails schreiben, Buchtipps recherchieren, umsonst Texte lektorieren, einsame Menschen anrufen, Kuchen für die gestresste Nachbarin backen, Trost- und Care-Pakete verschicken, so was eben.

Viele Freunde sind weiterhin für die Gesellschaft aktiv, was mich berührt und aufmuntert, z. B. meine Freundin, die „Frauen gegen die AfD“ gegründet hat. Oder ein befreundetes Paar, das beim NDR rund um die Uhr in den Nachrichtenredaktionen ackert, damit wir seriöse Fakten bekommen.

Viele Freunde sind existenziell bedroht, was mich erschüttert. Ich hoffe, die staatlichen Pakete lindern hier etwas.

Mittags habe ich mich allein aus dem Haus getraut, weil es gerade recht leer war, und bin, in kuriosen Ausweichmanövern um die Passanten, hastig durchs Viertel gestapft. Ohne Maske, ich traute mich nicht, sie aufzusetzen. Man muss sich bewegen, man wird sonst irre, dachte ich. Im Treppenhaus traf ich eine Nachbarin, die ein sehr engagiertes Mitglied bei den Grünen ist. Sie sprach von der problematischen und drastischen Einschränkungen der Freiheit und unserer Grundrechte, und ob wir wohl nach Corona je wieder so freiheitlich leben werden können. Vielleicht bekommen wir sie nie wieder? Noch so eine Kassandra.

Liest man das aktuelle Interview mit Herrn Drosten, wird einem das ganze Ausmaß, aber auch die Notwendigkeit, ganze Nationen einzusperren, noch einmal vor Augen geführt. Demnach werden wir uns noch sehr lange in diesem Zustand einrichten müssen:

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/christian-drosten-coronavirus-pandemie-deutschland-virologe-charite

Dagegen hilft nur, nach der Tagesschau Schmidtflyx vom Schmidt´s Tivoli zu gucken: https://www.tivoli.de/programm-tickets/schmidtflyx-die-streaming-show/

Das ist so blöd, dass es schon wieder gut ist.

Übrigens: Ich mache mich nie wieder über Fußballmoderatoren lustig. Das erste Fußballspiel nach Corona wird mich glücklich machen, egal, was für einen Mist die dann reden.

Kassandra


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Das Tier im Mann – WM-Sprach- und Stilkritik zum 28.6.2014

Gerd Gottlob (GG), Reporter des Spiels Brasilien – Chile, schreit, kreischt und brüllt uns 126 Minuten fast pausenlos an, und zwar so laut, dass man kaum etwas von der Stadionatmosphäre noch vom Spiel selbst etwas mitbekommt.

„Er geht zu Boden!! Aber er war vorher schon ins Straucheln gekommen!!! – „Nein! Er hat dreimal was auf die Socken gekriegt!!!“ – „Ooooh, ist das Gelb für Neymar??! – „Ist er ein Abstauber oder … nein! War es ein Eigentor?!“

In der Halbzeitpause ersinnt Me (Mehmet Scholl) das berückendste Wort dieser WM: die „Gänsehautentzündung“ als Synonym für allerhöchste Anspannung. Die SZ hat dies zwar vor mir schon bei Facebook gepostet, aber es ist zu treffend, um es nicht noch einmal zu erwähnen. Dafür gibt´s eine schöne 1, Me.

In der zweiten Halbzeit schöpft GG etwas Atem, den er auch benötigt für widersprüchliche Aussagen wie über den brasilianischen Trainer Scolari: „Er stammt zwar aus Italien, aber er ist sich der Größe seiner Aufgabe bewusst.“ Das hört sich so an, als könnten die Menschen in Italien weder Herausforderungen meistern noch Verantwortung übernehmen. Überaus intelligent ist auch dieses Urteil: „Sie müssen beide in die Verlängerung, wenn das so weitergeht.“ Hat man je eine Verlängerung gesehen, bei der nur eine Mannschaft auf dem Platz spielte und die andere es sich im Mannschaftsraum bei einem Bier gemütlich machte?

Beim Elfmeterschießen gibt es dann kein Halten mehr (um ein Sprachklischee zu bemühen), und GG überplärrte jegliches andere Geräusch: „ER HAT KEINEN GUTEN FUSS!“ – „DER KEEPER, DA, DER KEEPER!!! ER IST RAUS!!!“ –  „DIE NÄCHSTE GELEGENHEIT FÜR DIE BRASILIANER!!!“

Nun ja. Fußball ist meist eine sehr aufregende Angelegenheit, da kann es schon einmal laut werden. Nur bei HSV-Spielen ist es in letzter Zeit recht still. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich empfehle GG als therapeutische Maßnahme dies: http://www.messbar.de/nti-audio-xl2-schall-messgeraet-mit-frequenzanalyse.html  Das ist zwar recht teuer, aber dafür darf die ARD gern meine Gebühren ausgeben.

Das Spiel Kolumbien – Uruguay hat Steffen Simon in gewohnter Manier klug und sachlich moderiert, leider hatte ich einen solchen Druck auf den Ohren, dass ich ihn kaum verstanden habe.

Ich beneide Tarun Biswas, der heute dies Bild schickte, um friedliche, brasilianische Ruhe.

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In Recife sitzt der Genitiv auf der Bank und wird nass – WM-Sprach- und Stilkritik zum 26.6.2014

Es hat wieder geregnet, und das musste Olli 2 so kommentieren: „Trotz diesem Regen wird das schon werden.“ Bastian Sick hat sich dem Thema umfassend gewidmet, sodass ich hier nur die Auflösung des Rätsels liefere: „Das wird trotz des Regens schon werden.“ http://www.canoo.net/services/Controller?project=1&language=0&service=glossary&input=Genitiv&expression=3847

Olli 2 hat immer noch Probleme mit den Indefinitpronomen, so verwechselt er immer noch die Anrede „du“ mit dem unbestimmten „man“: „Wenn du (Olli 1 anblickend) als Torwart nicht immer konzentriert bist, dann bist du (in die Kamera den Zuschauer anblickend) einfach nicht gut genug.“ Immerhin haben wir jetzt verstanden, dass weder Herr Welcke noch wir jemals gute Torwarte sein werden. Olli 2 braucht neben Grammatiktraining auch dringend einen Stylisten – das in Mausbraun und Schlamm changierende Jackett mit wulstigen Nähten sieht aus, als hätte er es bei einer Versteigerung von Honeckers Kleidersammlung erworben.

Olli 3 (Oliver Schmidt) hingegen beherrscht zumindest den Genitiv, muss es dann aber auch gleich übertreiben: „Das ist der Horror eines jeden Trainers.“

Sonst neigte Olli 3 dazu, nicht richtig informiert zu sein: „Beckerman ist der Frisurenweltmeister der WM.“ Aber das war doch Fellaini, oder?

Im weiteren Spielverlauf schaute er auch nicht genau hin, zudem zeigt er eine gewisse Rechenschwäche, so über Thomas Müller: „Der Starkstromfußballer trifft und trifft und trifft.“ (Beim Stand von 1:0 hat Müller nicht dreimal getroffen.)

Er empfiehlt allen Zuschauern, dringendst einen Optiker aufzusuchen: „Die Lesehilfe für die Nationalhymne finden Sie auf …“ Falsches Wort, unhöfliches Benehmen.

Krumme Vergleiche würzen wieder den Fußballabend: „Mertesacker ist irgendwie auch ein Müller.“ oder auch: „Die Deutschen haben gewonnen, ohne ein Feuerwerk des Hochglanzfußballs abbrennen zu müssen.“

Tröstlich und aufmunternd war dann aber das Interview, das KMH mit Jogi Löw führte. Nach den unerträglich banalen Intermezzi der letzten Wochen durfte sie endlich einmal Sachverstand zeigen und kluge Fragen stellen. Der gute Eindruck wurde leider abgemildert durch das Outfit: Dieses pinkfarbene Blümchen-Wickeldings sollte wohl brasilianisches Flair ausstrahlen, die grünen Schlabbershorts, die Einblick bis fast zum Höschenrand boten, wieder die schönen schlanken Beine in Szene setzen. Ich hätte zu einem schlichten weißen T-Shirt mit kniebedeckendem einfarbigen Rock geraten: Das hätte der Sache die Seriosität gegeben, die ein Bundestrainer von den Medien erwarten darf.

Die Fotos (Tarun Biswas) zeigen die Anfahrt der Fans zum Stadion in Recife.

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Über das Beißen – WM-Sprach- und Stilkritik zum 24.6.2014

Es ist das Thema des Tages. Machen wir uns also auf in die Welt der Überschriftenkünstler; hier eine Auswahl der Titel von heute, 25. Juni 2014:

„Chiellini wird zum Opfer: Suárez beißt wieder zu“ (Kicker online) – Hier wird noch einigermaßen sachlich das Ereignis benannt und die Beteiligten bekommen einen Namen.

„Krass! WM-Star Luis Suárez beißt seinen Gegner!“ (Promiflash online) – Jugendsprache und zwei unnötige Ausrufungszeichen signalisieren mit ihrer „schreienden“ und lauten Grafik dem Leser die unerhörte Drastik des Vorfalls.

„Suárez beißt Italien raus – Prandelli tritt zurück“ (Hamburger Abendblatt online) – Ein Mensch kann kein Land beißen, schon gar nicht ein Stück davon abbeißen. Der italienische Trainer wird genannt, nicht aber der gebissene Chiellini.

„Suárez beißt Italien weg“ (fanfeed.de) – Nein, Suárez kann nicht nur einem Land ein Stück abbeißen, er kann es sogar einfach ganz und gar irgendwohin beißen.

„Luis Suárez – Ein Stürmer beißt sich durch“ (welt online) – Hier wird das Ereignis gar nicht mehr benannt, wir erfahren, dass der Mensch Suárez ein Fußballspieler auf einer wichtigen Position ist, zudem hat er wohl ein schweres Schicksal, denn er muss sich „durchbeißen“.

„Kannibale Suárez beißt schon wieder zu“ (Sport24 online) – Nun wird aus einem vom Schicksal Gebeutelten ein Menschenfresser. Es war aber nicht zu sehen, dass Suárez Chiellini ein Stück Schulter abgebissen hat.

„ „Vampir“ Suárez beißt wieder zu“ (MSN sport online) – Jetzt verwandelt sich Suárez vom Menschenfresser in einen Blutsauger. Vampire schlagen der Sage nach aber in der Regel nachts zu – dies ist also ein unglücklicher Vergleich, denn es war taghell.

„Beißattacke gegen Chiellini – Suárez wird rückfällig“ (ntv-online) – Auch hier wird an das Mitgefühl des Lesers für einen geplagten Fußballspieler appelliert, anstatt das genaue Ereignis zu nennen.

Meine liebste Überschrift, die unkommentiert glänzen darf:

„WM-Aus für Italien – Uruguay beißt sich ins Achtelfinale“ (Mitteldeutsche Zeitung online)


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Wenn ich beim WM-Club bin, dann fotobombe ich – WM-Sprach- und Stilkritik zum 23.6.2013

Der Vorreigen neigt sich dem Ende, alle warten ungeduldig auf die K. o.-Runde mit Verlängerungen und Elfmeterschießen. Auch macht sich eine gewisse Erschöpfung breit, die sich in ellenlangen Mutmaßungen darüber äußert, wer gegen wen mit welchem Ergebnis und wann ins Achtelfinale kommt. Dabei befleißigen sich Moderatoren der temporalen „Wenn-dann-Formel“, die man gestern Abend etwa 500 Mal und hartnäckig zu hören bekam: „Wenn Mexiko gegen Kroatien unentschieden spielt, dann …“. http://www.duden.de/rechtschreibung/wenn#Bedeutung5 Aber konsequent sein ist nicht alles, das wissen alle Eltern. http://www.medizin-im-text.de/blog/2012/15019/wenn-dann-satze-in-der-erziehung/

Unbedingt abraten möchte ich vom WM-Club der ARD. Hierzu werden unter anderem Schauspielerinnen eingeladen, die überdimensionale roséfarbene und teppichartige Trenchcoats tragen. Deren Fußball-Expertentum gründet sich darauf, dass sie einmal einen Fan-Brief von Jogi Löw bekam. Zudem zeichnet sich das Format durch unerträgliche Wiederholungen umgangssprachlicher Wörter wie „geil“, „ist doch scheiße“ oder gar „fotobomben“ aus.

http://www.sportschau.de/fifawm2014/video/videowmclubvomberlinerbadeschiff100.html

 


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Geräuschlose und laute Schnappatmung und Maschinenpistolen im Stadion – WM-Sprach – und Stilkritik zum 22.6.2014

Achtet man auf Bela Rethys Sprechweise und blendet bewusst – was mitunter recht schwer ist – die Sprach-, Stil- und Grammatikfehler aus – bemerkt man quälend lange stille Pausen zwischen einzelnen Wörtern, bevor Rethy sich zum Punkt vorangearbeitet und den Satz endlich abschließt: „Das war … sicher ein Grund … für seine … … … Verletzung.“

Eine Meisterin der geräuschvollen Schnappatmung an falschen Satzstellen ist übrigens Gundula Gause vom heute journal: „Bundespräsident (huahh!) Gauck wies bei einer Veranstaltung (huahh!) mit drastischen Worten Neonazis (huahh! plus aufgerissene Augen) zurecht (huah!).“ Das ist übrigens ein Grund, warum ich lieber die Tagesthemen schaue. Ich empfehle beiden diese Adresse, ist auch gar nicht weit vom Lerchenberg entfernt: http://weiterbildungsportal.rlp.de/k1915031?q=Stimmbildung

In der Halbzeitpause des Spiels Belgien – Russland fährt die Kamera über das Stadionpublikum und bleibt bei einem männlichen Fan hängen, der ein Schild mit der Aufschrift „Fellaini, marry me“ hochhält.

Rethy: „Oh … ist das nicht ein Mann? … Na ja, ist ja mittlerweile auch erlaubt.“

Hören wir hier vielleicht eine gewisse Ablehnung liberalen Denkens heraus?

Mein Reporter vor Ort, Tarun Biswas, stellt mir heute dieses Foto zur Verfügung, mit der Anmerkung: „Dass der Mannschaftsbus eskortiert wird, macht ja in einigen brasilianischen Städten sehr viel Sinn, und auch sonst waren die Damen und Herren der Militärpolizei außerordentlich freundlich und hilfsbereit. Dass aber die FIFA-Stewards beim Abhängen deutscher Banner von Polizisten mit Maschinenpistolen eskortiert wurden … Das hat im Stadion nichts zu suchen.“ Dem schließe ich mich an.10462544_10154264384640082_7511969732031103168_n


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Die Schlacht in Fortaleza und das Nichts während der Halbzeit – WM-Sprach- und Stilkritik zum 21.6.2014

Die Gleichsetzung von Krieg und Fußball hat eine lange Tradition; und gerade, wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, setzen Moderatoren und Sportreporter ungehemmt und unüberlegt Kriegsrhetorik ein. Hier ein paar Beispiele für „ressentimentbildende Ausdrucksweisen“ (http://www.friedenspaedagogik.de/materialien/kriege/kriegsgeschehen_verstehen/medien_und_krieg/kriegsrhetorik/analyseraster_fuer_kriegsrhetorik) von Tom Bartels, Reporter des Spiels Deutschland-Ghana: „Die übermächtige deutsche Mannschaft könnte über Ghana hinwegrauschen.“, „Mensa packt die nackte Angst, wenn Özil kommt.“, „Das Brüderduell“, „Die deutsche Dominanz“, „Deutschland hat geantwortet.“, „Jetzt macht Deutschland ernst.“, „Die Abwehr ist kampferprobt.“

Zusätzlich wird der Zuschauer zur Einstimmung auf ein eigentlich friedliches, sportliches Zusammenkommen von 25 Menschen auf den Kriegszustand mit Bildern beglückt, die zeigen, wie der deutsche Mannschaftsbus von „25 Motorrädern, 3 Hubschraubern und unfassbar viel Militär“ (Jürgen, der Außenreporter) zum Stadion begleitet wird.

Das gefällt mir nicht.

Wie schön, dass zum Ende des Spiels wieder Harmonie herrscht:

Mo: „Ich liebe dich.“ Me: „Ich erinnere mich dunkel.“

Allen, denen das martialische Gebrabbel unerträglich in den Ohren dröhnt, empfehle ich, während der zweiten Halbzeit eines WM-Spiels, an dem die deutsche Mannschaft beteiligt ist, heimlich den Raum zu verlassen, hinauszutreten, in den Himmel zu schauen und zu lauschen: Die Welt ist menschenleer, kein Laut ist zu hören außer dem Streit der Elstern in der Linde und einem leisen Rauschen des Mitsommerwindes.

Die rot-weiß geringelten Kniestrümpfe der Iraner erinnern an die Lutschstangen vom Dom (für Nichthamburger: Jahrmarkt oder Kirmes): https://www.sweets-online.com/lutscher/zuckerstangen/zuckerstange-schirme-rot-weiss-gebogen-50-stueck/a-4345/

Ich finde das süß.


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Asthma und niedergehendes Gefrorenes – WM-Sprach-und Stilkritik zum 19.6.2014

Die Rückmeldungen häufen sich, was mich sehr freut. So z. B. von Florian, der darum bat, Mes stilsichere Abschiedsrede für die Spanier positiv zu würdigen. Ich schließe mich Florians und Mes Meinung an: „Da gehen jetzt einige Spieler von Bord, die über Jahre Topleistungen gebracht haben, alles gewonnen haben. Sie haben uns viel Freude gemacht – aber auch sehr wehgetan.“

Kathrin Müller Hohenstein (KMH) führt flache, inhaltslose Interviews mit den Spielern und Betreuern der deutschen Nationalmannschaft, als Beispiel soll dieses „Gespräch“ mit Mario Götze dienen:

KMH: „Sind Sie auch bei der Schafskopfrunde dabei?“

Götze: „Mmpf.“

KMH: „Siewirken immer so mürrisch.“

Götze: „Mmpf.“

Olli 3 (Oliver Schmidt) ist im Spiel England – Uruguay in so viele Sprachuntiefen gefallen und Stil-Fettnäpfchen getreten, dass der zunächst gute Eindruck hinfällig wird.

„Er ist der linke Lungenflügel Uruguays.“ Ja, das ist eine Allliteration, das war es aber auch schon; ein intelligenter Vergleich ist es nicht.

„Uruguay ist ein verrücktes kleines Land.“ Ein peinliches Pauschalurteil.

„Er hat um die Gefahrenzone ein enges Gefahrenpaket geschnürt.“ Das kommt davon, wenn man zu oft die Bildzeitung liest.

„Wenn Souarez auf die Toilette geht, regnet es Einwürfel.“ Igitt.

Ich danke Fanny Vildebrandt für diese herausragende Recherchearbeit:

https://www.freitag.de/autoren/mdell/talent-leidenschaft-leistung?utm_content=buffer3d29b&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer

Die Spieler der uruguayischen (und nicht etwa“ uruguayanischen“, wie alle Moderatoren falsch sagen) Nationalmannschaft stellen mit Abstand die attraktivsten Männer der WM. Edinson Cavani könnte der kleine Bruder von Orlando sein. Ich mein‘ ja nur.