Sprach- und Stilkritik

Corinna schaut hin und hört zu.


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E-Mail mit Stil – 3. Die Schlussformel: Nur in Hamburg sagt man Tschüss

Der elegante Abschied:

  1. Gar keine Schlussformel geht gar nicht.
  2. Haben wir mit „Sehr geehrte/Sehr geehrter …“ gestartet, schließen wir mit „Mit freundlichen Grüßen“. Viele verkürzen diese Formel, und je kürzer sie wird, desto weniger freundlich werden wir – dieses wird der Empfänger selbstverständlich auch bemerken. Beispielsweise „Freundliche Grüße“ ( = Na ja, ich will mal nicht so sein), gefolgt von „Grüße“ ( = Ich bin hier absolut im Stress und habe keine Zeit für Dich) oder gar das absolut unhöfliche und wie ein Ohrfeige wirkende „Gruß“ ( = Ich will eigentlich nichts mit Dir zu tun haben und habe Dir das nur geschrieben, weil der Chef das will; oder, noch schlimmer: Ich finde, Du bist inkompetent und meiner Zuwendung nicht wert). Ebenso beleidigend ist es übrigens, die Schlussformel abzukürzen: BG, LG oder gar das krude MfG.
  3. Haben wir mit „Liebe/Lieber …“ gestartet, ist der Spielraum größer – und es kommt auch darauf an, wie gut man sich schon kennt. Hier reicht die Palette der angemessenen höflichen Formeln von „Mit freundlichen Grüßen“ über „Herzliche Grüße“ oder „Herzlichst“ über „Viele Grüße“. Etwas merkwürdig mutet das neuerdings aufgetauchte und aus dem Englischen übernommene „Beste Grüße“ („With best regards“) an – gleichzeitig zu lässig und überheblich im Deutschen, wie ich finde. Man kann sich auch hier, um etwas kreativer zu sein, wieder mit Tageszeiten oder anderen Bezügen zur eigenen Realität behelfen: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend“ oder, wenn man in Hamburg wohnt, „Viele Grüße von der Alster“ oder montags „Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche“ behelfen. Einer meiner Kunden schreibt als Schlussformel immer „Glück auf!“. Das ist doch wirklich zugewandt und zaubert uns gleich ein Schmunzeln ins Gesicht.

 


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E-Mail mit Stil – 2. Die Anrede: Titel, Thesen, Temperamente oder Hallo, ich liebe dich nicht

„Ich empfinde es als höflich, einen Menschen, der mit mir kommuniziert, mit einem netten Gruß anzusprechen“, schreibt Jan Schaumann, Etikette-Trainer. (http://www.sueddeutsche.de/karriere/umgangsformen-im-buero-e-mail-ohne-anrede-der-chef-darf-das-1.1022713)

Ja, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, scheint für viele Menschen im E-Mail-Austausch keinen Wert zu haben. Von gar keiner Anrede („Im Alltag würde kaum jemand auf die Idee kommen, einen anderen Menschen grußlos anzusprechen, um ihm unmittelbar sein Anliegen mitzuteilen. Insofern sollte es das Mindestmaß an Umgangsformen in der schriftlichen Kommunikation bedeuten, eine Unterhaltung im weitesten Sinne ebenfalls damit zu eröffnen“, so Schaumann) bis zu umständlichen und falschen oder auch überhöflichen Formulierungen reicht die Palette. Deshalb:

      1. Gar keine Anrede geht gar nicht. Das ist absolut schlechtes Benehmen.

 

      1. Sehr geehrte Frau / Sehr geehrter Herr / Sehr geehrte Damen und Herren – ist die Standardformel, wenn wir zum ersten Mal Kontakt zu jemandem aufnehmen. „Lieber förmlich als zu vertraulich – Benutzen Sie die vertraulicheren Anredeformen nur bei Leuten, die Sie (…) gut kennen. Sonst ist die Unsicherheit zu groß, ob diese persönliche Art ankommt oder nicht“, empfiehlt auch Christoph Eichhorn. http://www.x-7.de/links/email-netiquette/richtige-anrede.html

 

      1. Liebe Frau / Lieber Herr – Im weiteren E-Mail-Austausch, wenn man sich „kennengelernt“ hat, ist es durchaus angebracht, einen persönlicheren Ton anzuschlagen. Viele Menschen mögen das „Liebe / Lieber“ aber nicht und führen das Argument an, man würde sich seinen Vorgesetzten, Kollegen oder Geschäftspartner ja nicht inniglich verbunden fühlen. Tatsächlich wird es ein wenig heikel, wenn man zum „Liebe / Lieber“ übergegangen ist – und es kommen eine unangenehme Job-Auseinandersetzung, ein Missverständnis oder gar Fehler, die man im geschäftlichen Austausch gemacht hat, dazwischen. Dann kann der Ton schon einmal frostig werden und von Lieb haben ist keine Rede mehr. Was tun? Vor allem im Intranet, wo sich Kollegen und Kolleginnen, die wir auch täglich in der Kantine, am Drucker oder am Waschbecken der Toilette treffen, per E-Mail austauschen, kann es peinlich werden. Ich rate: entweder nie zum Lieben übergehen und immer das Ehrenwerte wählen, denn hat man sich einmal lieb gehabt, kommt die Rückkehr zur Sachlichkeit nicht gut an. Oder strikt beim Lieben bleiben und den Konflikt alsbald telefonisch oder im persönlichen Gespräch klären.

 

      1. Hallo – Viele Stilratgeber für Geschäftskorrespondenz haben nichts gegen diese lässige Allerweltsbegrüßung. Ich rate dringend ab: „Hallo“ sage ich zu dem Nachbarshund, der die Nacht auf meiner Türmatte verbracht hat, oder mit einem Lächeln zu der Bäckereiverkäuferin, die mir das größte Stück Butterkuchen geben soll. Man sagt es auch zu Bekannten, die man auf der Straße trifft oder zu Freunden, die abends anrufen. In der geschäftlichen Korrespondenz hat es nichts zu suchen, weil wir mit Kollegen, Vorgesetzten, Dienstleistern und Kunden nicht befreundet sind. Denn „Hallo“ vermittelt nur eins: Du bist weder „geehrt“ noch „geliebt“ und ich befinde Dich gerade noch wert, Dich mit einem hilflosen „Ich-weiß-auch-nicht-wie-ich Dich-ansprechen-Soll“ zu beschenken. Da wir sprachlich begabte Wesen sind, bedienen wir und also einiger kreativer und viel passenderer Varianten. Z. B.:

 

      1. Guten Tag, Frau / Herr… oder andere Tageszeiten, zu denen wir gerade die E-Mail schreiben. Eine Variante, die ich gern verwende, ist, schon mit dem Inhaltlichen zu beginnen und in der ersten Zeile den Namen einzuflechten: „Ihr Hund hat wieder meine Türmatte vollgehaart, liebe Frau Meier, …“

 

      1. Damit sind wir schon bei den Namen unserer Adressaten – ganz schlechter Stil ist es, den Namen des Empfängers falsch zu schreiben, das kann durchaus beleidigend wirken, weil man kein echtes Interesse zeigt. Ob die Hundebesitzerin Meier, Maier, Mayer oder gar Meyer geschrieben wird, sollte man also unbedingt vor dem Absenden noch einmal überprüfen.

 

      1. Für viele Menschen undurchschaubar ist auch die Handhabung im Schriftverkehr mit Titeln und akademischen Graden. Für eine Person, die mehr als einen Titel hat wird nur der höchste Titel genutzt. Professorin Dr. vet. Meier wird mit „Sehr geehrte Frau Professorin“ angeschrieben. Bei der Anrede von mehreren Personen muss die Hierarchie beachtet werden. Genannt wird immer zuerst der/die Ranghöhere: „Sehr geehrte Frau Professorin Meier, sehr geehrte Frau Dr. Müller…“ Sind beide gleichgestellt, wird zuerst die Frau erwähnt. (http://www.knigge.de/themen/kommunikation/briefe-11616.htm) Grundsätzlich gilt: Für die korrekte Anrede spielen heute nur noch die akademischen Grade und Adelstitel eine Rolle. Berufs- und Funktionsbezeichnungen können wir weglassen.

 

 

 

 

 

 


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E-Mail mit Stil: 1. Die Betreffzeile – Übergewicht ist ungesund

Manche Leute meinen, dass sie jedwede Information gleich in die Betreffzeile pressen müssen, weil sie fürchten, man lese die eigentliche Mail erst gar nicht. Oft finden wir dieses Vorgehen in unserem Spam-Ordner, oder wenn jemand uns zum ersten Mal kontaktiert. Dieses „Alles-rein-was-geht“ ist nicht nur kontraproduktiv (meist löschen wir diese Mails tatsächlich sofort), sondern auch stillos und unhöflich. Haben wir ein seriöses Anliegen, schreiben wir das Wesentliche in maximal drei bis vier Schlagwörtern in die Betreffzeile und vertiefen unser Begehren in „italienischer Länge“ (S. Kapitel 7).

Ein Beispiel aus dem Lektoratsbüro: Ein Autor, dessen Roman ich zur Hälfte durchgearbeitet hatte, konnte es vor lauter Neugierde und Nervosität nicht mehr aushalten und wollte unbedingt wissen, wie meine Einschätzung seines Manuskripts ausfällt. Ich hatte aber im Vorgespräch ganz deutlich gemacht, dass er sich gedulden müsse, bis ich die letzte Seite lektoriert hätte – sonst könne ich gar kein umfassendes Urteil abgeben.

Die Betreffzeile seiner Verzweiflungsmail sah so aus:

„Hilfe! Ich bin so neugierig, ich kann nicht schlafen, können Sie mir bitte etwas zu meinem Roman sagen, vor allem zum 7. Kapitel, das war doch noch so unausgereift …“

Natürlich brach der Text ab, denn die Betreffzeile bietet nun einmal wenig Raum. Im eigentlichen Textfeld stand – nichts. Nicht einmal eine freundliche Anrede oder eine vertiefende Analyse seiner Missstimmung. So etwas forciert schlechte Stimmung beim Empfänger, und die Antwort wird höchstwahrscheinlich ziemlich unwirsch ausfallen.

Ausrufungszeichen, Inversalien und Emoticons haben in der Betreffzeile absolut nichts zu suchen, denn wer den Empfänger anbrüllt, muss damit rechnen, gleich aus dem Verteiler gelöscht zu werden.

Eine wirklich schöne Haltung zur Betreffzeile hat Heike Thormann

(http://www.kreativesdenken.com/artikel/e-mails-schreiben.html):

„Wenn Sie wollen, dass Ihre E-Mail ungelesen gelöscht wird, dann verzichten Sie auf die Betreffzeile oder füllen Sie sie mit Schlagworten wie „wichtig, neu, aktuell, hot.“ Oder man macht es so wie mein verzweifelter Autor. Und weiter schreibt sie: „Der Betreff entscheidet, ob ich eine E-Mail lese oder nicht. Der Betreff entscheidet, ob ich eine E-Mail wiederfinde oder nicht. Der Betreff entscheidet, ob ich eine E-Mail lösche oder nicht. Alles andere ist Notwehr.“

Thormanns Haltung zur Rechtschreibung ist allerdings denkwürdig: „Wenn Sie mit der NDR (neuen deutschen Rechtschreibung) auf Kriegsfuß stehen, dann verwenden Sie die alte ( … ). Aber verwenden Sie eine.“

So geht das natürlich nicht.


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E-Mail mit Stil

Jeden Tag bekommen wir nicht nur unfassbar viele Mails – die meisten davon müssen wir auch beantworten. Mails zu lesen und sich oft über ungenaue Angaben in der Betreffzeile, unfreundliche oder unpassende Anreden oder Schlussformeln, fehlerhafte oder nicht vorhandene Kontaktdaten, unleserliches Schriftbild oder zuhauf Orthografie- und Grammatikfehler zu ärgern, ist die eine Sache. Es aber selbst besser zu machen, ist eine andere.

Man kann sich natürlich einfach den entsprechenden Duden-Band zur Geschäftskorrespondenz anschaffen und sich intensiv mit der DIN 5008, die die Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung festlegt, beschäftigen. Aber wer hat schon Zeit dafür? In den folgenden Wochen wird sich die Sprach- und Stilkritik deshalb diesen Themen widmen:

  1. Die Betreffzeile – Übergewicht ist ungesund
  2. Die Anrede: Titel, Thesen, Temperamente oder Hallo, ich liebe dich nicht
  3. Die Grußformel: Nur in Hamburg sagt man Tschüss

 


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„Dieser Moment ist zu groß für den einzelnen Menschen“ … (Finale, Bewertung und Danksagung) – WM-Sprach- und Stilkritik zum 3. Juli 2014

… so Tom Bartels nach dem Tor von Mario Götze, dem „Erlöser“. Auch wenn er Sätze wie „Die Kabine, der innere Ort der Einkehr, ist verlassen.“  (statt „der Ort der inneren Einkehr“) oder „Es ist eine Nervenschlacht“ (Ich sehe hier niedliche Nervenfasern an Kanonen hantieren) absonderte, muss ich wider meine gestrige Befürchtung einräumen, dass er das WM-Finale fast durchgängig anständig reportierte. Besonders gut gelungen ist Bartels diese Sequenz in der 77. Minute, als Lionel Messi sich unerbittlich durch die deutsche Defensive wurschtelte:

„Haltet ihn! … Vorbei an Hummels! … Aber nicht an Höwedes, nicht an Höwedes!“ und:

„Özil gegen … und gegen … und gegen … Özil gegen alle.“

Nun die abschließende Sprach- und Stilkritik-Bewertungstabelle.

(Die Paarung Beckmann-Elber habe ich nur einmal genießen dürfen und sie als tranig und reizlos erlebt. Deshalb fällt sie aus der Wertung heraus. Florian Naß durfte meines Wissens ein mitternächtliches Spiel reportieren. Da habe ich aber ausnahmsweise geschlafen. In die Tabelle nicht eingeflossen ist das Kriterium „fußballerischer Sachverstand“ – da ich ihn selbst nicht habe, kann ich ihn bei anderen auch nicht bewerten.)

Außerdem:

  • lustigster Dress: Kroatien
  • peinlichster Dress: England
  • bester Dress: Uruguay
  • schönster Fußballer: Edinson Cavani, nicht Mats Hummels (denn einfältige Freundinnen schmälern die Attraktivität eines jeden Mannes)
  • beste Frisur: Marouane Fellaini
  • Eckfahnenheld: Mathieu Valbuena
  • grauenhafteste „bunte“ WM-Begleitung: der WM-Club

 

Danksagung:

Dieser Blog wäre nicht zustande gekommen ohne den enthusiastischen Antrieb von Marco „Marca“ Maas und meines „Glöckchens“. Danke für´s Mutmachen, Ihr Lieben. Danke auch an den Blogstraßenheld Daniel Fiene, der mich mit einer Claudia verwechselte, obwohl er „corinna.cc“ sicher schon hundert Mal gelesen und getippt hatte.

Ein großer Dank geht an Tarun Biswas, der so schöne Bilder schickte.

Den Mitbewohnerinnen des Höllenlagers danke ich von Herzen, weil sie so gelassen mein Gebrabbel über Fußball ertragen, bei der Recherchearbeit geholfen und mir sehr oft Kaffee gebracht haben. Ich gelobe, mindestens 2 Jahre das Wort „Fußball“ nicht mehr zu benutzen.

Und natürlich danke ich meinem Liebslingsnerd, der begeistert mein neues Projekt unterstützt, mit soziologischen Überlegungen angereichert und den besten Spruch der WM gesagt hat: „Boateng ist eine Schlampe.“


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Das Offenbarsiche – WM-Sprach- und Stilkritik zum 9.7.2014

Gerhard Delling bringt es in einer Reportage aus Campo Bahia, wo wir den glücklichen Spielern der deutschen Nationalmannschaft dabei zuschauen können, wie sie ihre Freundinnen am Strand küssen, allen voran Mats Hummels (ganz Abgebrühte mögen die hochintelligenten Kolumnen Frau Fischers unterhaltsam finden: http://www.bild.de/sport/fussball/wm-2014/wir-werden-die-party-unseres-lebens-feiern-36716222.bild.html) auf den Punkt: „Das war offenbarsich entspannend.“ Ist das nicht eine exzeptionelle Verknüpfung aus offenbar und offensichtlich? Zudem es „zwischen offenbar und offensichtlich … keinen Bedeutungsunterschied (gibt). Es ist allerdings nicht richtig, diese Adjektive im Sinne von „vermutlich“ oder „möglicherweise“ zu gebrauchen. Denn was offenbar, offensichtlich oder auch offenkundig ist, das liegt auf der Hand, ist augenscheinlich, erwiesen, erkennbar, nachweislich.“ (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-abc-offenbar-offensichtlich-a-314565.html)

Gern werden in Berichterstattung und Moderation rund um die WM auch „anscheinend“ und „scheinbar“ verwechselt. Dabei wird „mit anscheinend die Vermutung zum Ausdruck gebracht, dass etwas so ist, wie es erscheint. Hingegen besagt scheinbar, dass etwas nur so scheint, aber nicht wirklich so ist.“( http://www.korrekturen.de/beliebte_fehler/scheinbar_anscheinend.shtml)

Wird Deutschland nun scheinbar, anscheinend oder offbarsich Weltmeister?


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Das schrecklich-schöne Gottesmodul – WM-Sprach- und Stilkritik zum 8.7.2014

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(Foto: Tarun Biswas)

Seit Jahrzehnten rätseln Soziologen und Psychologen über die Ursachen, die die Massenbegeisterung beim Fußball auslösen: Ist es das Bedürfnis, in der Gruppe gemeinsam zu leiden und zu jubeln? Bietet Fußball in Ermangelung eines richtigen Krieges einen Ersatz, sodass sich vorwiegend Männer gegenseitig mit gesellschaftlicher Erlaubnis auf die Mütze hauen dürfen? Brauchen wir den Fußball, weil wir in unserer Wohlstandsverwahrlosung sonst keine Anreize mehr haben? Ist Fußball nur eine schöne Ausrede, um 90 Minuten lang ungestraft ungesunde Sachen in sich hineinzustopfen?

Meine Theorie: Fußball ist Religionsersatz und neurologische Besonderheit zugleich. Den Begriff „Gottesmodul“ hat der US-amerikanische Neuropsychologe V. S. Ramachandran „ … für ein bestimmtes Hirnareal im Bereich der Schläfenlappen geprägt. Dieses Hirnareal zeigt bei Menschen in tiefer religiöser Versenkung eine erhöhte Hirnaktivität ( … ) an. Diese Gehirnaktivität kann zum Beispiel mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) oder Positronen-Emissions-Tomographie (PET) in reproduzierbarer Weise sichtbar gemacht werden. Nach den bisherigen Erkenntnissen macht es dabei keinen Unterschied, ob es sich zum Beispiel um meditierende buddhistische Mönche oder etwa um ins Gebet versunkene katholische Nonnen handelt …“ oder eben um Deutsche, deren Fußballnationalmannschaft im Halbfinale einen der Favoriten mit 7:1 geschlagen hat. Die Theorie ist übrigens umstritten, aber ich finde den Ansatz mehr als überzeugend.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesmodul und http://community.zeit.de/user/albert-wittine-mancunian/beitrag/2007/10/27/das-quot-gottes-modul-quot)

Damit wäre wir auch schon bei der lustvollen und sich ins Unerträgliche steigernden Adjektivitis, in die sich Moderatoren, Reporter und Fans gleichermaßen stürzten: erregend, unfassbar, entsetzlich, unglaublich, großartig, demütigend … Adjektive sind die am häufigsten überschätzte und am meisten missbrauchte Wortgattung: Sie geben einen Sachverhalt oft doppelt wieder (beispielsweise weißer Schimmel, alter Greis), vertreten schlecht oder falsch ein Substantiv (alpine Flora statt Alpenflora) und lassen sich unglücklicherweise auch noch ins Unermessliche steigern – oft muss das Beschriebene nicht verstärkt und gesteigert werden. Jedes nicht gesagte Adjektiv ist ein Gewinn. Jeder Satz, der mehr als ein Adjektiv hat, sollte einem ein schlechtes Gewissen bescheren.

Ich würde den Abend mit einem klaren „schrecklich-schön“ beschreiben. Da hält sich mein schlechtes Gewissen noch in Grenzen.

Das (20 positive Adjektive, beliebig einsetzbar) Spiel der Deutschen löste eine unheilvolle Mischung aus Euphorie und Pathos aus, die dazu beitrug, dass Olli 1 noch unhöflicher wurde (zu Olli 2: „Ich weiß, du liebst Vereinfachung.“ oder auch „Das Titan-Trikot von 2002, ist das überhaupt gewaschen?“).

Bela Rethys (500 beleidigende Adjektive, beliebig einsetzbar) sprachliche Entgleisungen hier aufzuführen, würde den berühmten Rahmen sprengen – dass er aber auch des Französischen nicht mächtig ist, bewies er mit der Erfindung der Po-Ente. Die richtige Aussprache mag man sich hier anhören:

https://dict.leo.org/frde/#/search=pointe&searchLoc=0&resultOrder=basic&multiwordShowSingle=on

Alle, die eine Auszeit vom zermürbenden Gefasel über das „Wunder von Belo Horizonte“ (BR) brauchen, mögen sich zur Beruhigung ihres Gottesmoduls (s. o.) diesen wunderbaren, kleinen Fußballschatz, den meine Büro-Mitbewohnerin A. ausgegraben hat, zu Gemüte führen:

http://45football.com/


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Fußballglück im Schrebergarten – WM-Sprach- und Stilkritik zum 4.7.2014

Die erwerbslose Mutter von 5 Kindern stellt ihren Schrebergarten zur Verfügung, damit eine ganz normale Grundschulklasse ihr Sommerfest feiern kann. Der vietnamesische Vater, kaum des Deutschen mächtig, hat verstanden, dass fast alle das Viertelfinale schauen wollen und schleppt seinen Flachbildfernseher 2 Kilometer zu Fuß zur Gartenkolonie. An den zwei Grillstationen – eine mit und eine ohne Schweinefleisch – fachsimpeln ein IT-Manager und ein Lagerarbeiter über das Grillgut. Die griechische Hortbetreuerin begleitet die Kinder von der Schule zum Garten, damit niemand verloren geht. Die syrische Flüchtlingsmutter bringt trotz größter Armut eine Spezialität mit, die sie nachts zubereitet hat. Das somalische Kopftuchmädchen spielt tapfer mit, obwohl sie noch kein Wort Deutsch versteht – die deutschen Kinder behelfen sich mit Gesten, damit sie dabei sein kann. Zwei pubertierende Jungen werfen ihre kreischende Mutter ins Planschbecken. Der katholische Pfarrer hat die Tür zum Gotteshaus geöffnet, damit alle zur Toilette können. Die Wohlsituierten legen diskret mehr in die Klassenkasse, damit nicht auffällt, dass diejenigen, für die 3 Euro eine Menge Geld sind, nichts hineintun können. Die Hauptschülerin diskutiert mit einer Personalmanagerin darüber, ob Mats Hummels der schönste Mann der WM ist. Die Lehrerin raucht nach dem 1 : 0 eine Zigarette und die Lektorin trinkt ein Schwarzwälder Bier.

Fußball verbindet.

Hätte Steffen Simon nicht Sätze wie „Die Uhr ist der beste Freund des deutschen Teams“ (so schnell kann aus einer Sie ein Er werden) oder „Die Kreativität geht, es kommt die geballte Körperlichkeit“ (dazu fällt auch mir nichts mehr ein) gesagt, wäre ich noch heiterer nach Hause gegangen.


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Fernsehdeppen im Kakao und Leichenbeschau in der Gruppe – WM- Sprach- und Stilkritik ohne WM-Spiel zum 3.7.2014

Ich freue mich über reges Interesse an meinen Beiträgen; so z. B. von T. mit Bezug auf den Text zur „erschöpften Erleichterung“ (Ich habe ihn aber noch einmal Korrektur gelesen, lieber T., Rechtschreibfehler mache ich zwar selbst, dulde sie aber bei anderen nicht):

„Die Übersetzung des Satzes zum Imam erscheint mir dagegen unvollständig: Die Begründung „weil man auf Arbeit ist“ fehlt darin. Der Umstand, dass man nur bei ausreichender Nahrungszufuhr kräftig genug für das Spiel sein kann, ist sicher auch in Islamkreisen unbestritten, aber das ist in den Augen strenger Islamgläubiger ja noch lange kein Grund, das Fasten vorzeitig zu brechen! Die Erlaubnis dafür kann erst nach stichhaltiger Begründung erteilt werden. Und die liegt anscheinend darin, dass „man auf Arbeit ist“, bzw. dass die Nationalspieler Algeriens mit ihrem Einsatz Ungewöhnliches für ihr Land leisteten, das Ausnahmen vom Fastengebot zuließ, denke ich.“

Das nehme ich widerspruchslos an – ich hätte den Satz also noch genauer „übersetzen“ sollen – ich glaube aber nicht, dass BR zu dieser akademischen Leistung in einer Live-Moderation fähig gewesen wäre. Das Wort „anscheinend“ fordert mich schon wieder heraus. Dazu aber in den nächsten Tagen mehr.

P. nennt meine Analysen neckisch „die Fernsehdeppen durch den Kakao ziehen“ und liefert eine fachmännische Definition, die noch fehlte: „Anschwitzen ist ein in der Sportwelt durchaus gebräuchlicher Terminus, der im Unterschied zum Aufwärmen, bei dem der Körper durch leicht erhöhte Beanspruchung an die ihm bevorstehende Aufgabe herangeführt werden soll, den Körper durch kurzzeitige Vollbelastung auf Hochtouren bringen soll. Beide Methoden haben unterschiedliche Wirkung und sollten in Kombination nacheinander ausgeführt werden.“

Sehr schön erklärt, lieber P. (an Deinen Substantiven könntest Du aber noch arbeiten), jetzt weiß ich endlich, warum die Spieler vor dem Einwechseln zwischen Dehnübungen immer kleine Sprints einlegen. Im Übrigen sollte ich endlich einmal anmerken, dass ich von Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen keine Ahnung habe.

U. ermuntert dazu, das Wort „Gänsehautentzündung“ zum Wort des Jahres zu erklären. Ich werde einmal recherchieren, ob man der zuständigen Kommission Vorschläge einreichen kann. Scholls Erfindung soll es aber nicht sein – ist er nicht ein gewitzter Dieb? (http://www.augsburger-allgemeine.de/sport/wm-2014/Mehmet-Scholl-Danke-fuer-Gaensehautentzuendung-id30379112.html)

Morgen werde ich aushäusig sein und das Viertelfinale Deutschland – Frankreich in einer Runde von etwa 60 Menschen schauen – das könnte man also ein „Public Viewing“ nennen. Der Begriff ist aber noch nicht eindeutig definiert: Ab welcher Zahl Menschen, die gemeinsam vor einem Bildschirm sitzen oder stehen, darf man ihn verwenden? Wenn ich zu zweit mit meinem Lieblingsnerd auf dem Sofa sitze und Tagesschau gucke? Oder wenn ich in Berlin auf der „Fanmeile“ inmitten 100.000 anderer Fans stehe und rein gar nichts sehen kann? Wikipedia klärt auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Public_Viewing.

Interessant ist allerdings die ursprüngliche Bedeutung des Ausdrucks: Im Englischen beschreibt er auch das öffentliche Aufbahren von Toten, sodass die Öffentlichkeit Abschied nehmen kann (http://de.wiktionary.org/wiki/public_viewing). So ist beispielsweise Lenin seit 1924 Teil eines berühmten „Public Viewings“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Lenin-Mausoleum#Lenins_sterbliche_.C3.9Cberreste).

Da ich also morgen zu einer Leichenbeschau gehe, muss ich mir Samstag vielleicht freinehmen, weil ich mich entweder in einem Zustand „erschöpfter Erleichterung“, „fröhlicher Beschwingtheit“ oder „entsetzter Resignation“ befinde.